Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Eine Samurailegende als ziegenköpfiger Geist

Bisweilen fällt mir ein Comic in die Hände, der nicht die üblichen Wege beschritten hat: keine Verlags-, sondern eine Eigenproduktion durch die Autoren zum Beispiel, begründet allein auf Überzeugung für die eigene Arbeit, vielleicht auch aus Mangel an Kontakten. Solch ein Fall ist „Bright Lights“, ein deutscher Manga von einer jungen Autorin, die sich als Künstlernamen Yuri-chan ausgesucht hat. Dem kann man den Vornamen Julia schon ablesen, und „Bright Lights“ trägt auch stolz den wahren Verfasserinnennamen auf dem Ti Julia Syndram.

Stolz kann sie sein, schon des Umfangs wegen. Wir haben es mit einem veritablen Manga zu tun, 180 Seiten stark, Resultat einer einjährigen Arbeit. Und gewiss einer vieljährigen Lektüre, denn man merkt Julia Syndrams Seiten die Vertrautheit mit dem Manga-Code an. Nicht nur nehmen die Figuren die japanische Ästhetik konsequent auf (die Geschichte spielt auch in Japan), auch die graphischen Gepflogenheiten von eher vertikal gestalteten Sprechblasen über die klassischen Leserichtung von rechts nach links bis zu seitenarchitektonischen Facetten wie Wechsel zwischen offenen und geschlossenen Panels und steter Variation der Anmutungen lassen spüren, wie selbstverständlich diese Erzählweise für die Autorin ist.

Dass dann noch einer der berühmtesten Stoffe der japanischen Literatur- und Mythengeschichte, die Geschichte der 47 Ronin, mit in die Handlung hineinspielt, wird zunächst aufgesetzt. Man stelle sich nämlich vor: Der Führer dieser Gruppe von Samurai, die Rache am Mörder ihres Lehnsherrn nehmen, Kuranosuke Onishi, jedem Kind in Japan bekannt durch Film und Fernsehen, Manga und Romane, kehrt in unsere Gegenwart zurück, als schaurige Geistergestalt (yokai) mit skelettiertem Ziegenschädel, aber zugleich als grundgütiger Beschützer der sechzehnjährigen Rin Omura, einem Waisenmädchen, das in der Schule isoliert ist und seit dem Unfalltod der Eltern an Magersucht leidet. Kuranosuke betätigt sich nicht nur als moralische Stütze, sondern bindet sich eine Schürze um und beginnt, für Rin zu kochen. Er bahnt Freundschaften an und bringt das Mädchen wieder in die Spur. So weit, so phantastisch. Und auf den ersten Blick nicht eben konsequent.

Doch Julia Syndram hat sich die Wahl des legendären Kuranosuke gut überlegt, und gerade der Kontrast zu den üblichen Darstellungen dieses Helden bringt eine humoristische Note in diesen Manga, der das durchaus ernste Thema des magersüchtigen, ungeliebten Mädchens auflockert und die geradezu fabelhafte Rettung in ein Umfeld einbettet, das das Geschehen nicht wie einen Kleinmädchentraum der Autorin wirken lässt. Dafür zeichnet sie allerdings auch viel zu gut. Denn wer sich solche Mühe mit der Gestaltung eines Comics gibt und dabei so reüssiert, der will mehr, als eine rührselige Geschichte erzählen. Der gibt mit der Ästhetik seines Buchs auch eine Botschaft über die zugrundeliegende Ernsthaftigkeit des Ganzen ab.

Dass es darin aber doch jenen Humor gibt, den der bärbeißig daherkommende, aber reizende Ziegenschädel einbringt, das ist beinahe schon große Erzählkunst. Jedenfalls ist Julia Syndram, die ihrer Heldin vom Alter her entsprechen dürfte, ein Nachwuchstalent, die mit Rastern und Bewegungen umzugehen weiß und nur wenige Male ein paar Textkästen leergelassen hat. Ansonsten aber könnte dieser Manga in einem professionellen Verlagsprogramm leicht durchgehen.

Ob man ihn simpel bekommt – eine ISBN hat er schon mal: 978-3-00-051107-3, eine Leseprobe im Netz gibt es leider nicht –, dürfte eher an der Höhe der Auflage, die Julia Syndram sich leisten konnte, liegen als an der Bereitschaft von Manga-Läden, ihn auszulegen. Ich werde sehr gespannt schauen, ob mir die junge Autorin mal irgendwo sonst begegnet, am besten natürlich in einem regulären Verlagsprogramm.