Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein Liebesleben für die Kunst

Auf meinem Schreibtisch branden die ersten Vorboten einer großen Welle an: flämische Comics. Im Herbst werden die Niederlande und der flämische Teil Belgiens Gastland der Frankfurter Buchmesse sein, und die üblichen Routinen aus Übersetzungsförderung und Verlagsplanung rasten hier zuverlässig an, während es im Vorjahr, im Falle Indonesiens, deutlich schwieriger war. Wie viele indonesische Comics sind damals übersetzt erschienen? Ich erinnere mich an keinen. Und viele Romane oder Sachbücher waren es auch nicht.

Das wird in diesem Jahr also ganz anders, und das zeigt sich schon am frühen Beginn der Welle. Gerade im Comicbereich darf man da einiges erwarten, denn Belgien ist ja ohnehin die Comicnation in Europa schlechthin, und nur weil die französischsprachigen Autoren bekannter sind als die flämischen (Hergé, Franquin, Morris, Peyo, um nur die allererfolgreichsten zu nennen), sollte man nicht geringschätzen, was in der nördlichen Landeshälfte alles passiert. Die Niederlande wiederum haben eine höchst aktive Comicszene, die von den Deutschen bislang erstaunlich wenig beachtet wurde. Schön, wenn sich das nun ändert.

Nehmen wir als erstes Beispiel den Band „Hubert“ von Ben Gijsemans, einem in Brüssel lebenden, 1989 geborenen  Zeichner, von dem ich noch nie zuvor gehört hatte. Die Übersetzung verdanken wir dem Berliner Verlag Jacoby + Stuart, der sich schon seit einigen Jahren im Bereich anspruchsvoller Comics profiliert hat und immer wieder für Überraschungen gut ist. Dieser Band ist eine sehr positive. Leider bietet der deutsche Verlag keine Leseprobe an, deshalb hier eine französische (was angesichts der Sprachstreitigkeiten zwischen Flamen und Wallonen in Belgien etwas frivol ist, aber was soll man machen?):.

Gijsemans erzählt von Hubert Luyten, einem alleinstehenden Mann mittleren Alters, dessen größtes Vergnügen darin besteht, im Königlichen Museum für Schöne Künste seines Wohnorts Brüssel Frauendarstellungen aus allen Phasen der Kunstgeschichte zu betrachten und zu fotografieren, um sie dann zu Hause akribisch nachzumalen. Natürlich ist das eine Kompensation der eigenen Einsamkeit, und die Irritation bei Hubert, wenn seine kontemplativen Besuche im Museum durch andere Besucher oder Wärter gestört werden, hat auch etwas vom ertappten Liebhaber. Bisweilen fährt er auch nach Paris, ins Musée d’Orsay, wo mit Manets kalt-frivolem Akt der „Olympia“ ein besonderes Lieblingsbild hängt.

Es passiert so gut wie nichts auf den 86 Seiten von „Hubert“, und doch ändert sich für die Titelfigur die Welt. Denn durch zwei nicht ganz zufällige Begegnungen – mit einem Anhalter in Paris und einer Nachbarin in Brüssel – wird er mit dem Eigenbrötlerischen der eigenen Existenz konfrontiert, und durchs Fenster seiner Etagenwohnung erspäht er eine junge Frau auf der anderen Seite des Innenhofes, deren Schönheit ihn an die idealisierten Figuren der Altmeister erinnert. Am Schluss wird Hubert sich der Lebenden und damit dem Leben zuwenden, auch wenn er seiner isolierten Daseinsweise treu bleibt.

Wir Gijsemans diese schlichte Geschichte präsentiert, ist die schöne Überraschung. Er hat erkennbar viel bei seinem französischen Kollegen Pascal Rabaté abgeschaut, der den bislang gelungensten Comicband über den Louvre gezeichnet hat. Und die graphische Strenge wie auch den bewusst leeren Gesichtsausdruck der meisten Figuren (Hubert etwa verzieht hinter seiner markanten tropfenförmigen Brille kaum eine Miene) dürfte bei Gijsemans Landsmann Olivier Schrauwen seinen Ursprung gehabt haben. Beide Anleihen sind aber nicht epigonal, sondern stilistisch konsequent und der eigenen Geschichte von Gijsemans angemessen.

In den nächsten Wochen werde ich weitere Übersetzungen aus dem Flämischen vorstellen, den schon der Auftakt der Titelschwemme lässt vermuten, dass das deutsche Publikum hier mitgerissen werden dürfte. Im allerbesten Sinne des Wortes.