Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Selten so viel Text in einem Comic gelesen

In der Mitte dieses Comics spielt sich eine wilde Verfolgungsjagd im Hochhaus eines Radiosenders ab: Es wird geschossen, dann geht es mitten hinein in den Großen Sendesaal, wo gerade ein Pianist probt, steile Wendeltreppen hinab, du am Schluss ist der Verfolgte verschwunden; nur noch sein höhnisches Lachen ist zu hören.

Wie erzählt man das in einem Comic? Stanislas, der große gegenwärtige Meister der Ligne claire, macht es opulent. Er widmet eine Dreiviertelseite der Außenan sicht des Hochhauses, setzt in dieses Riesenpanel aber acht kleine ein, die die Verständigung unter den Verfolgern ins Bild setzen. Dann komt eine halbseitige Ansicht des Sendesaals, und der Rest der Jagd ist kleinteilig über die insgesamt drei Seiten dieser Sequenz verteilt. Alle zunächst sehr dynamisch, bis die immer statischer werdende Bilderfolge die Enttäuschung der Protagonisten darüber spüren lässt, dass sie den Gejagten nicht erhaschen. Wieder ist der geheimnisvolle Mörder entkommen.

Es gibt aber auch eine andere Version der Ereignisse. Sie wurde fürs Radio produziert und zwar schon vor neunzehn Jahren. Da sieht man naturgemäß gar nichts, sondern hört nur all das, was bei Stanislas zu sehen ist. Deshalb aber auch der Schauplatz im Rundfunkgebäude – als Hommage ans eigene Medium. Und deshalb der Große Sendesaal mit dem Pianisten: Den kann man hören und  muss ihn gar nicht sehen. Deshalb die Treppen: für die hallenden Schritte. Und deshalb das höhnische Gelächter. Weiter auseinander in den Haupteffekten können zwei Erzählformen gar nicht sein. Aber der Comic „Der Papagei von Batignolles“ liest sich schön, obwohl er eine Adaption des Hörspiels ist.

Das hatte seinerzeit  der französische Comiczeichner Jacques Tardi zusammen mit dem  Schriftsteller und Fernsehproduzenten Michael Boujut konzipiert. „Der Papagei von Batignolles“ wurde vom staatlichen Sender France Inter ausgestrahlt. Schon damals war Tardi berühmt, doch heute ist er der bedeutendste lebende Comic-Künstler Frankreichs, und alles, was er macht, findet höchste Aufmerksamkeit. Gerade erst ist der Trickfilm „Avril et le Monde truqué“  in die französischen Kinos geklommen, der auf Motiven seines Werks beruht, die Tardi zu einer neuen Geschichte kombiniert hat, und die alte Radio-Feuilletonserie durfte natürlich auch nicht einfach versendet werden. Tardi und Boujut haben sich deshalb vor fünf Jahren hingesetzt und daraus ein Szenario gemacht, das der schon genannte Stanislas dann gezeichnet hat: in zwei Bänden, deren erster jetzt endlich auch auf Deutsch erschienen ist (bei Carlsen, Leseprobe unter ).

Warum das so lange gedauert hat, kann man leicht erklären, denn so textreich hat selbst Tardi noch nie erzählt. Eigentlich fällt einem nur Edgar Pierre Jacobs‘ „Blake und Mortimer“ ein, wenn es um einen derartigen Wortanteil im Comic geht. Oder bisweilen auch Hergé, wenn es bei „Tim und Struppi“ ans Erklären geht. Da diese Serie auch das klare Vorbild für den Stil von Stanislas ist, dürfte es ihm Spaß gemacht haben, die Logorrhoe von Tardi zu bebildern. Ob es Uli Pröfrock, neuer Dauerübersetzer französischsprachiger Comics  bei anspruchsvollen Verlagen, genauso viel Spaß gemacht hat, all das zu übersetzen? Jedenfalls ist es gut geglückt. Das französische Original hatte ich vor Jahren nach einer Stunde aufgegeben, weil ich da noch nicht über Seite 15 hinausgelangt war. Jetzt geht es deutlich schneller – aber auch nicht wirklich schnell.

Worum geht es? Um eine Mordserie, die, wie sich bald erweist, mit dem Besitz einer bestimmten Spieluhr verbunden ist. In deren Exemplaren findet sich jeweils ein Zettel, und die alle zusammen sollen den Weg zum Erbe des genialen Fälschers Emil Schmutz weisen (so erklärt sich der Untertitel des ersten Bandes: „Der enigmatische Monsieur Schmutz“). In die Sache wird auch der Toningenieur Oscar Moulinet samt Lebensgefährtin  und Wetteransagerin Edith verwickelt. Und es gelingt Tardi mit dem Szenario tatsächlich, dass man sich die ursprüngliche Radioversion mit ihren Klang- und Stimmeffekten gut vorstellen kann.

Allerdings ist alles sehr verwickelt, und was in Band 2 daraus wird, ist kaum abzusehen. Dass diese Story als Fortsetzungsgeschichte besser funktioniert hat denn als ganzes Album, kann man sich leicht vorstellen. Denn auf diesen zweiten Band freue ich mich bereits sehr. Fast hätte ich in meiner Gier den französischen zweiten Teil vorgenommen. Aber dann habe ich ihn aufgeblättert, die Sprechblasendichte gesehen und beschlossen, lieber auf die deutsche Fortsetzung zu warten.