Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Punkerin in der Nonnenschule

So ein Comic kann wohl nur aus Japan kommen, denn die Verhaltensweisen der Protagonisten sprechen allen westlichen Erwartungen Hohn. Da ist ein junges Mädchen namens Hanami, noch nicht volljährig, die bei ihrem greisen Großvater aufwächst, weil die alleinerziehende Mutter ihre internationale Karriere als Sängerin verfolgt. Natürlich gibt es potenzierte Generationenkonflikte, und natürlich raufen sich Opa und Enkelin auch immer wieder zusammen, gerade weil sie doch besser miteinander klarkommen als Mutter und Tochter. So weit, so absehbar.

Keineswegs absehbar ist für uns als westliche Leser die groteske Seite des Alten. Er ist ein Leichtfuß, der das von der Mutter zurückgelassene Haushaltsgeld verzockt. Er begibt sich auf Freiersfüßen und fällt dabei auf eine Betrügerin herein. Und er pflegt seine Beschützerrolle und folgt der Enkelin zu deren abendlichen Treffpunkten, wo sich die Punk-Szene von Tokio trifft (das Ganze spielt in den achtziger Jahren), und erntet dort durch seine englischen Sprachkenntnisse und die Erinnerung an einen London-Aufenthalt in den zwanziger Jahren höchsten Respekt. Immer aber erweist sich dieser alte Herr als höchst kindisch oder zumindest kindlich.

Wie viel von diesem Stoff, den die 1967 geborene Zeichnerin Mari Yamazaki da erzählt, autobiographisch grundiert ist, können wir nur ahnen. Immerhin spricht sie selbst von ihrer Begeisterung für Punk-Mode und –Musik, und nicht ganz zufällig ist ihre aus fünf Episoden bestehender Manga „PiL“ betitelt (erschienen bei Carlsen). Also wie die Band, die Johnny Lydon nach den Sex Pistols gegründet hat: weichgespülter Punk mit allerdings immenser Breitenwirkung über die enge Szene hinaus. Genau so ist auch der Manga konzipiert.

Denn es ist auch kein Zufall, dass kein Geringerer als Jiro Taniguchi ein lobendes Vorwort für den Band beigesteuert hat. Er gilt als der westlichste aller Mangaka, und dass ihm die kulturelle Grenzüberschreitung von Mari Yamazaki hin zum englischen Punk gefällt, ist klar, zumal auch die eher eine atypisch ruhige Manga-Ästhetik pflegt. Es gibt zwar bisweilen expressive Gesten, und die weiblichen Mädchenfiguren entsprechen teilweise dem Shojo-Ideal, aber in dem Moment, in dem Hanami sich die langen Haare zugunsten einer Skinhead-Frisur abrasiert (die dann in der christlichen Nonnenschule, die sie besucht, durch eine Perücke kaschiert werden muss), verabschiedet sich „PiL“ vom japanischen Mainstream.

Nur ist der Band damit noch nicht ungewöhnlich genug, um zu überzeugen. Denn wenn man denn doch den japanischen Blick annimmt, dann entspricht die Verhaltensweise des Opas gerade der Leichtfertigkeit etlicher einschlägiger Figuren von Taugenichtsen aller Altersgruppen, die in Japan vom Publikum geliebt werden. So dass nach der ersten Überraschung auch wieder eine gewisse Langeweile einschleicht, zumal Mari Yamazaki darauf verzichtet, ein graphisches Zeitfenster in die Handlung zu öffnen, die uns zeigte, wie Japan in den achtziger Jahren aussah. Dazu ist ihr Manga viel zu stilisiert – der deutsche Verlag bietet keine Leseprobe an, aber durch den italienischen kann man sich zum Beispiel ein Bild davon machen: –, und gerade Taniguchi ist geradezu das Gegenmodell, weil seine akribisch rekonstruierten Dekors genau das leisten: eine Epoche zu vergegenwärtigen. Das hat gerade sein Manga „Der Gourmet – Von der Kunst, allein zu genießen“ wieder gezeigt. Aber zu dem in ein paar Wochen mehr. Von „PiL“ dagegen nichts weiter.