Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Die Liebesuntüchtigen

Eine Geschichte aus der Gegenwart, zwischen den Kulturen: Der englische Zeichner Glyn Dllon erzählt in „Das Nao in Brown“ vom Verzweifeln am anderen und an sich selbst. Und dann doch von einem guten Ende.

„Treffen sich zwei“ nannte Iris Hanika vor sechs Jahren einen wunderbaren Liebesroman. Und wie jeder wunderbare Liebesroman musste er manchmal auch zum Hassausbruch werden, denn große Leidenschaft trägt große Enttäuschung immer mit sich. Das ist auch in „Das Nao in Brown“ nicht anders.

Dieser Titel ist erklärungsbedürftig, er spielt mit dem Namen der Protagonistin, Nao Brown, der Tochter eines Japaners und einer Engländerin. Nach ihrer Rückkehr aus Japan, wo sie mit ihrem alkoholkranken Vater leben wollte, lebt Nao mittlerweile wieder in England, hat gewisse Anpassungsprobleme, hadert mit der wankelmütigen Zuneigung ihrer Mutter und hat zudem gerade ihren Job verloren. Japan steckt ihr eben noch in den Knochen. Das klingt einigermaßen harmlos, doch immer wieder entwickelt die junge Frau Tötungsphantasien gegenüber anderen Menschen und bisweilen auch sich selbst. Bei aller Sympathie, die Dillons Buch für seine Heldin beim Publikum zu erzeugen weiß, lässt er doch nie Zweifel an deren Gefährlichkeit und Gefährdung.

Mit ihrem popkulturellen Wissen über zwei Kulturen verdingt Nao sich schließlich als Verkäuferin in einem Laden für japanisches Manga- und Anime-Merchandizing, ihr Chef ist ein alter Freund, Steve Meek, der in seiner Begeisterung für japanische Spielzeug-Objekte aufgeht und sein eigenes Liebesleben genauso wenig in Gang zu bringen gelingt  wie Nao. Auf die naheliegende Lösung, diese beiden Sonderlinge zusammenzubringen, verzichtet Dillon klugerweise.

Stattdessen lernt Nao den Installateur Gregory kennen, ein Riesenbaby mit durchaus auch kindlichem Gemüt, an dem sie zunächst die Ähnlichkeit mit einer japanischen Anime-Figur namens Nobodaddyo fasziniert (dass diese fiktive Figur den Namen Nobodaddy evoziert, dem „father of jealousy“, dem William Blake ein düsteres Gedicht gewidmet hat, ist kein Zufall). Beide verlieben sich ineinander, doch auch Gregory trinkt gerne ein wenig über den Durst, und Nao erwartet einen Menschen, der so kompliziert ist wie sie selbst, dabei ist Gregory denkbar einfach gestrickt. Es geht nicht gut zusammen.

Die zahlreichen Komplikationen dieser kulturen-, klassen- und konventionenübergreifenden Liebe, wie sie „Das Nao in Brown“ erzählt, zu beschreiben, wäre sinnlos. Auf zweihundert Comicseiten nimmt sich Glyn Dillon viel Raum dafür, und dazwischen sind immer wieder illustrierte Seiten aus einer modernen japanischen Fantasy-Saga eingeschoben, die das Geschehen kommentiert, ohne vordergründig mehr sein zu wollen als die Lektüre einer Figur des Comics – ein Kniff, den Dillon aus „Watchmen“ übernommen hat.

Wie er dagegen fernöstliche und westliche Elemente graphisch ineinander führt, das ist durchaus originär (Leseprobe unter ). Zwar hat auch der jahrelang in Japan arbeitende französische Comiczeichner Frédéric Boilet schon Geschichten publiziert, die das Aufeinandertreffen von japanischer und europäischer Kultur nicht nur inhaltlich, sondern auch graphisch veranschaulichen, doch Dillons Buch kann dabei mithalten, obwohl es etwas westlicher gestaltet ist, aber das ist auch nur konsequent, da die Handlung in London spielt, während Boilet seine Geschichten im Regelfall in Japan ansiedelt. Interessant ist aber allemal, wie ästhetisch ähnlich sich diese Werke von zwei stark japanisch beeinflussten europäischen Comiczeichnern sind. Als gäbe es nur eine Form der graphischen Symbiose.

Am Schluss geht das Drama übrigens unerwartet gut aus. Das ist Dillon in Großbritannien nach der Erstpublikation vorgehalten worden, doch es passt zur Manga-Erzählweise einer solchen Geschichte. Und manche visuellen Einfälle, gerade bei den Aggressionsschüben von Nao, machen den Band dann doch zu seinem sehr ungewöhnlichen Stück Comicliteratur. Nicht zu einem wirklich großen, aber zu einem, das die Lektüre lohnt, sofern man sich für Japan oder die Liebe interessiert. Und zumindest letzteres Interesse ist dann ja doch erfreulich weit verbreitet.