Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Die Wüste liebt

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In seiner ersten Graphic Novel erzählt der Trickfilmer Jan Bauer die Geschichte eines jungen Mannes, der seinen Liebeskummer im australischen Outback lindern möchte.

Australien ist nicht häufig Schauplatz von Comics; am anderen Ende der Erde ist einfach zu wenig los. Bloße landschaftliche Schönheit taugt einfach nicht als Stoff. Aber sie taugt allemal als Hintergrund, und deshalb war meine Begeisterung groß, als ich hörte, dass der siebenunddreißigjährige Trickfilmer Jan Bauer seine erste Graphic Novel mitten im fünften Kontinent angesiedelt hat. Sein Protagonist Jan(der auch genauso aussieht wie sein Zeichner, was ebenso für autobiographische Inspiration spricht wie ein im Buch zu lesender Auszug aus einem Tagebuch von 2012) wandert von Alice Springs aus 450 Kilometer durch die Wüste Zentralaustraliens. Was für ein Fest würde das graphisch werden!

Deshalb war die Enttäuschung erst einmal groß, als ich den kompakten Band namens „Der salzige Fluss“ aufschlug und drin nur Schwarzweißzeichnungen fand. Dabei hatte das in grünroten Farben  gehaltene Cover gerade Lust auf ein buntes Wüstenporträt gemacht, und wer jemals solche Landstriche bereist hat, weiß, dass nichts dort so sehr fasziniert wie die intensiven Farben.

Der zweite Blick indes zeigt einige grandiose Landschaftspanoramen, von Bauer als ganze, bisweilen gar als Doppelseiten angelegt. Er ist ein begnadeter Zeichner, doch die Sorgfalt bei der Naturaufnahme war offenbar derart groß, dass es bei diesen wenigen Großpanels bleiben musste, während  die Figuren ansonsten durch eher schematisch angelegte Dekors wandern (Leseprobe – und Film! – unter ). Dieses Prinzip hat sein Vorbild erkennbar bei dem Kanadier Guy Delisle, dessen autobiographische Reiseberichte aus Pyöngyang, Shenzhen, Burma  und Jerusalem international Furore gemacht haben. Allerdings ist Bauers Ansatz im Gegensatz zu diesen Comics  rein introspektiv.

Das muß kein Schaden sein, denn der Jan des Comics wurde durch Liebeskummer in die Wildnis getrieben, und wie es der Zufall will (dem wahren Leben glaubt man solche Koinzidenzen eher als der Phantasie eines Szenaristen), trifft er dort die gleichsam allein wandernde Französin Morgane, in die er sich auch prompt verliebt. Sie nur leider nicht so recht in ihn. Ein ewigjunges Thema und Drama.

Jan Bauer hat zudem großes Geschick beim Gebrauch der Zeichensprache des Comics, bei optischen Metaphern, Visualisierungen von Redewendungen, Seitenarchitektur und -dramaturgie. Woran es hapert, ist der Spannungsbogen, aber das mag beim Thema Liebesleid ein generelles Problem sein: Weltschmerz ist ebenso schwer erträglich wie darstellbar. Die langsame Annäherung der beiden Trecktouristen ist zu rasch absehbar, und es fehlt dann doch die Einbindung der Landschaft als mehr denn ein rein spirituelles Erlebnis. Von den logistischen oder körperlichen Herausforderungen eines Hunderte von Kilometern langen Wegs durch die Wüste erfährt man sehr wenig.

Aber den 230 Seiten folgt man gern, und die Bewunderung dafür, dass man als Comic-Novize (wenn auch erfahrener Zeichner) einfach mal eine Graphic Novel von solchem Ausmaß heraushaut,  ist groß. Die deutschen Autoren erkennen allmählich ihre Chance: Plötzlich sind Stoffe da, die es früher gar nicht gab, und das auf einem Niveau, das es zuvor auch nicht gab. Und es gibt Verlage wie Avant, die das Ganze dann auch noch drucken. Gut, dass es so gekommen ist.

 

 


1 Lesermeinung

  1. Alles was Englisch betitelt ist, ist sowieso ein Schmarr'n.
    „Graphic novel“ ist das neue „spannend“ (?)

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