Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Der vermessende Mann

Jiro Taniguchi gilt als der sicherste Wandler zwischen japanischem Manga und westlichem Comic. Für sein neues Buch „Der Kartograph“ hat er sich nun noch einmal entschieden auf die Seite seines Heimatlandes geschlagen.

Einer der berühmtesten Holzschnitte von Hiroshige stammt aus dem Jahr vor seinem Tod, 1857. Es zeigt einen Milan, der über der Ebene von Susaki in der japanischen Provinz Edo fliegt, und tief unter ihm sieht man aus der Vogelperspektive die weite Landschaft bis zum Inlandsgebirge. Es ist ein Musterbeispiel der Verbindung von westlicher topographischer Genauigkeit mit japanischer Komposition.

Dieses Blatt zitiert der Mangazeichner Jiro Taniguchi in seinem neuen Buch „Der Kartograph“ gleich zweimal, im Auftaktkapitel (und da sogar in Farbe) und zweihundert Seiten später im letzten Bild. Beide Male aber schwebt der Milan da über Edo selbst, der Hauptstadt, die der Provinz den Namen gab und heute Tokio heißt. Dort lebte bis 1818 Japans bekanntester Landvermesser Ino Tadataka, dem wir die erste vollständige Karte des Kaiserreichs verdanken. Von ihm erzählt Taniguchi.

Aber er erzählt nicht einfach Inos Leben, sondern setzt in dem Moment ein, als der Kartograph sich aus den Diensten des Shogun zurückgezogen hat und seinen Ruhestand genießen will. Was bei ihm allerdings heißt, dass er immer noch danach strebt, eine möglichst genaue Bestimmung seiner Umgebung vorzunehmen. Sein Privatleben unterliegt derselben exakten Beobachtung wie die früheren beruflichen Wege, immer noch zählt Ino alle seine Schritte, entwickelt Messgeräte und nutzt alle Erkenntnisse seiner Zeit, um die Bestimmung der Topographie von Edo noch weiter zu perfektionieren.

Wir sind also im frühen neunzehnten Jahrhundert (Ino wurde 1745 geboren), lange bevor Hiroshige bekannt wurde. Das Zitat seines Holzschnitts durch Taniguchi ist also ein Anachronismus, doch es setzt die Stimmung für das, was der Zeichner darstellt: den Einzug der Moderne in einem traditionellen Japan, das damals noch fast ganz von der Welt abgeschottet war, in dem aber einige Pioniere schon die westlichen Errungenschaften benutzten. So wie Ino.

Jiro Taniguchi ist im Westen berühmt geworden durch seinen Manga „Der spazierende Mann“, der in Deutschland erst 2008 erschien. Das war eine Geschichte aus dem heutigen Tokio, über einen Flaneur, der weitgehend wortlos seine Stadt erkundet und damit beiläufig eine Alltagsgeschichte der Hauptstadt schreibt. Nun zweihundert Jahre zurückzugehen und wieder einen spazierenden Mann zu zeigen, der sich aber gerade nicht als Flaneur versteht, das ist überaus gewitzt. Mit ihm lernen wir nun die Stadt Edo, ihre Gebräuche, Sehenswürdigkeiten und Menschen kennen. Das Meisterwerk erhält eine Vorgeschichte, der Spazierende Mann einen Vorläufer.

Allerdings wird im Gegensatz zum „Spazierenden Mann“ im „Kartographen“ viel gesprochen, denn der Landvermesser befindet sich im regelmäßigen Gespräch mit seiner jungen Frau. Es wird also nicht nur gezeigt, sondern auch erläutert. Trotzdem ist die Poesie beider Comics die gleiche, und diesmal betont Taniguchi durch das historische Setting mehr die japanische Seite seiner Ästhetik. Er gilt als er große Gratwanderer zwischen den Comicwelten – selbst als ein traumwandlerisch sicherer spazierender Mann. Mit diesem wunderschönen Manga bestätigt er diesen Ruf eindrucksvoll. Da der Carlsen Verlag aber keine deutsche Leseprobe bereitstellt, sei hier zur Anschauung auf die französische von Casterman verwiesen: .