Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Tim und Struppi zum Quadrat

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Schnell, bevor es zu spät ist: Bei Knesebeck erscheint die Prachtausgabe „Tim und Struppis Welt“. Trotz kleinen Mängeln ist dies ein wunderschönes Buch.

Geht es noch schöner? Das ist die erste Frage, die man sich stellt, wenn man „Tim und Struppis Welt“ sieht, einen quadratischen Bildband, auf dessen Titel in schwarzgefärbtem Tiefdruck der Kopf von Tim im Halbprofil prangt. Der Name des Buchs steht winzig unten rechts, er fällt kaum auf, aber wozu auch: Das Gesicht mit der charakteristischen Haartolle reicht. Kein anderer Kopf außer der Silhouette von Micky Maus ist weltweit so bekannt. Dieses Titelbild ist pure Ligne claire – also jener Stil, den der Zeichner Hergé mit „Tim und Struppi“ geprägt hat.

Das Buch ist so dick (fast 500 Seiten) und so kompakt, dass man es frei aufstellen kann. Und sollte. Denn dann sieht man auch den Buchschnitt. Er ist eingefärbt und zwar in jenem rotweißen Karomuster, das wie keine andere Farbkombination mit “Tim und Struppi“ verbunden ist: wie auf der Außenhaut der Rakete, mit der Tim 1952 zum Mond flog.  Und wenn man das Buchkunstwerk dann doch aufblättert, stößt man vor allem auf Bilder. Hier wird das Leben von Hergé und die Entstehungsgeschichte seines Werks ausführlich dokumentiert: kaum mit Worten, fast nur mit Bildern. Was für ein Buch, das der Knesebeck-Verlag da herausgebracht hat.

Nicht der Carlsen-Verlag? Das ist die zweite Frage, die man sich stellt. „Tim und Struppi“ ist seit Jahrzehnten das Aushängeschild des bedeutendsten deutschen Comicverlags, und auch die Sekundärwerke sind mit schöner Zuverlässigkeit dort gelaufen. Wieso jetzt ein Wechsel? Weil es sich bei dem Buch „Tim und Struppis Welt“ um den Katalog des Musée Hergé im belgischen Städtchen Louvain-la-Neuve, eine halbe Stunde vor Brüssel, handelt. Verlegt haben diesen Band im französischen Original die Éditions de la Matinière in Paris. Und der Münchner Knesebeck-Verlag ist Bestandteil der Verlagsgruppe La Matinière.

So haben also die beiden großen „Tintin“-Traditionsverlage Casterman in Brüssel und Carlsen in Hamburg das Nachsehen. Das ist für sie ein Jammer, denn ein schöneres Weihnachtsgeschenk als dieser Bildband lässt sich für „Tim und Struppi“-Fans kaum denken. Oder für Menschen, die sich einfach dafür interessieren, wie Hergé zu einem der einflussreichsten Gestalter des zwanzigsten Jahrhunderts werden konnte.

Der Wechsel zu den beiden neuen Verlagen hat aber auch ein paar unangenehme Konsequenzen für die Leser. Die gravierendste: Da der Band so aufwendig ist, muss er in China produziert werden, um den Preis nicht über die Fünfzig-Euro-Schwelle zu treiben. Dort werden die verschiedenen Sprachversionen – unter anderen auch Englisch und Flämisch – gemeinsam gedruckt, weil ja jeweils nur die spärlichen Texte ausgetauscht werden müssen (die Abbildungen weisen alle den französischen Originaltext auf, was auch vernünftig ist, und deshalb ist die Leseprobe auch hilfreich, obwohl sie die französische Originalpublikation betrifft). Das heißt aber auch, dass ein Nachdruck erst wieder möglich ist, wenn eine neue Charge gedruckt wird. Für die französische Erstauflage, die natürlich im Museum selbst gut verkauft werden wird, wurden mehrere zehntausend Exemplare bestellt. Knesebeck, noch unerfahren mit dem großen „Tim und Struppi“-Geschäft, orderte lediglich fünftausend Stück auf Deutsch. Sie sind dem Vernehmen nach schon jetzt, ein paar Wochen nach Publikation, ausverkauft.

Bedauerlich ist, dass nirgendwo der Übersetzer genannt wird, der Michel Dauberts Texte in unsere Sprache gebracht hat. Aber mutmaßlich hat das die Fondation Hergé, die das Museum betreibt, selbst besorgt. Trotzdem wüsste man gern, wer denn ein Buch über Comics übersetzt, ohne zu wissen, wie man den Begriff „Panel“ schreibt – hier findet man „Penel“.

Aber wie gesagt, die Texte sind Beiwerk; der längste widmet sich gleich zum Auftakt der Architektur des Musée Hergé. Danach folgen vier Großkapitel zu Hergés Biographie sowie seinen Figuren, Einflüssen, Handlungsorten, ehe zwei kleinere Abschnitte zu Ruhm und Publikationsgeschichte den Band beschließen. Etliche Bilder kennt man aus diversen Publikationen der letzten zwanzig Jahre, aber hier sind sie prachtvoll reproduziert und in einer Fülle versammelt, die sonst nur die zahlreichen Luxusbände der „Chronologie d’une Oeuvre“ bieten – und die kosten pro Band mehr als doppelt so viel wie „Tim und Struppis Welt“. Also rasch zugreifen. Bis man diesen Band, eine veritable Quadratur des Kreises, wieder auf Deutsch bekommt, dürfte einige Zeit vergehen. Ansonsten ein Hinweis: Auf Englisch ist das Buch in gleicher Ausstattung deutlich billiger lieferbar.


2 Lesermeinungen

  1. Wunderschön !!!
    Danke vielmals.

  2. Hab schon zwei Wälzer darüber
    Ich hab‘ schon zwei solch‘ großformatige dicke Bände über Herge und Tintin:
    „Herge and Tintin. Reporters“ (Philippe Goddin)
    „Herge. Ein Leben für die Comics“ (Benoit Peeters)
    Lohnt sich der Kauf noch so eines Bandes wirklich?

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