Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Der Schöne und das Biest

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Frankreich hat es besser. Sie haben die spannendere Comic-Szene, und sie haben ein Präsidenten-Ehepaar, dem man gerne zusieht (der Dame) und zuhört (dem...

Frankreich hat es besser. Sie haben die spannendere Comic-Szene, und sie haben ein Präsidenten-Ehepaar, dem man gerne zusieht (der Dame) und zuhört (dem Herrn, wenn auch vor allem im Vergleich mit der Dame, deren letztes Album eine ziemliche Pleite war). Beide Vorzüge zusammen haben nun einen jener comicpublizistischen Schnellschüsse ergeben, die bei unseren Nachbarn jenseits des Rheins nicht nur weitaus häufiger sind als auf unserer Seite des Flusses, sondern auch noch meist ins Ziel treffen: „Carla & Carlito“ heißt ein Comic-Band, der die munteren Abenteuer eines Pantoffelheldenpräsidenten und seiner äußerst machtbewußten Gattin schildert.

Die Nähe zu lebenden Personen ist natürlich gewollt, und man beginnt die französische Politik mit anderen Augen zu sehen, wenn man Carla Bruni als große Hypnotiseurin sieht, die ihrem „Karlchen“, dem Präsidenten Nicolas Sarkozy, neue Ideen etwa zur Begünstigung der audiovisuellen Medien oder zur Vergabe des Prix Médicis eingibt.  Das ganze strategische Genie des französischen Staatschefs wird von den beiden Szenaristen Richard Malka und Philippe Cohen und einem Zeichner, der sich unter dem nom de plume „Riss“ verbirgt, reduziert auf die egoistischen Pläne seiner Frau, und das hat immerhin Stoff für 62 Seiten abgeworfen, also für das umfangreichere der beiden gängigen Comic-Album-Formate in Frankreich.

Natürlich freut sich das ganze Land an den karikierten Umtrieben im Elysée-Palast, und als Ergänzung zum Comic gibt es auch noch die als Blog von Carlito ausgewiesene satirische Seite , die ursprünglich den Comic ankündigte, nach dessen Verkaufsstart vor genau einem Monat aber einfach in Betrieb blieb und jetzt in einem schönen Count-up die Sekunden seit der Publikation des Albums heraufzählt. Der Name Sarkozy fällt übrigens nie, dafür aber gibt der angebliche Blogger Carlito über sich selbst preis: „Ich bin Präsident, schön, und meine Frau ist wirklich schön, wirklich Sängerin, wirklich Mannequin und wirklich meine Frau.“

Das Pikante an dem recht konventionell gezeichneten Comic ist die Beteiligung von Phlippe Cohen, einem in Frankreich bekannten investigativen Journalisten. Deshalb rätseln die Kommentatoren, ob nicht viel mehr in „Carla & Carlito“ der Wahrheit entspricht, als man meinen (und hoffen) sollte. Wobei Cohen schon vor und kurz nach der Wahl Sarkozys mit demselben Team zwei Comic-Bände geschrieben hatte, die erst über den Kandidaten und dann über den frischgewählten Präsidenten spotteten. Niemand nahm sie damals besonders ernst, doch plötzlich, nachdem mit Carla Bruni eine femme fatale in die Handlung eingezogen ist, gibt sich ganz Frankreich an die Dechiffrierung noch der kleinsten Anspielung.

Mich interessiert der Band allerdings vor allem als Beispiel dafür, welch ein breites Spektrum der französischsprachige Comic abdeckt. In Deutschland ist ein ähnlicher Comic, etwa über die Bundeskanzlerin, schwer vorstellbar.  Außer der „Titanic“ (mit „Genschman“ oder „Die roten Strolche“) und der „Süddeutschen Zeitung“ (mit dem immerhin von Herbert Riehl-Heyse geschriebenen und von Dieter Hanitzsch gezeichneten „Großen Max“) hat sich bei uns niemand an humoristischen politischen Comics versucht, und abseits der jeweiligen Blätter haben diese kurzlebigen Serien auch keinen nennenswerten Erfolg gehabt. Die Auflagen der Sarkozy-Comics von Cohen, Malka und Riss dagegen gehen in die Hunderttausende. Liegt es wirklich nur daran, daß Frau Merkel keinen gutgebauten Sänger zum Mann hat? Vermutlich spielt das zumindest eine Rolle. Deshalb bestaunen wir unsere Nachbarn neidvoll – und so halten es sogar unsere beliebtesten Comic-Figuren. Der Kater Herr Paul aus Volker Reiches Comic-Strip „Strizz“ hält sich bekanntlich einiges auf die wechselseitige Ähnlichkeit zwischen ihm und Sarkozy betreffs ihrer Augenbrauen zugute.


1 Lesermeinung

  1. <p>Der Comic, in Frankreich...
    Der Comic, in Frankreich als eigene Kunstform anerkannt, führt in Deutschland einfach ein Schattendasein und ist als Medium weniger geeignet ein breites Publikum zu finden. Sogar die deutsche Version von Spitting Image, eine verwandte Dartellung von Politikern mit Puppen hatte kein langes Leben im Fernsehen, des Deutschen liebstes Medium. Die viel reduziertere Form des Comics hätte könnte sicher nur wenige Fans anlocken.
    PS: Schreiben Sie auch mal über meine Lieblinge Edika, Lelongs Carmen und Maesters Schwester Maria-Theresa?

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