Seventasticeminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Wie wichtig sind die Germanen für euch?

| 3 Lesermeinungen

Als Studierende im Ausland wird man oft unfreiwillig zur Botschafterin des eigenen Landes. Aber kann man diese Funktion eigentlich überzeugend ausfüllen? Selbstbeobachtung über die Grenzen studentischer Repräsentation.

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Varusschlacht – Radierung von 1810

Ich bin Deutsche, studiere aber in Dänemark und mit Kommilitonen aus mehr als dreißig verschiedenen Ländern. Mein Heimatland ist längst nicht so exotisch wie das meiner Mitstudenten, ich brauche etwa 4,5 Stunden nach Hamburg. Dennoch rutscht mir ein Satz ständig von der Zunge und wird zum Element vieler Gespräche unter Kommilitonen: „Also, bei uns in Deutschland…“. Diese Worte bestimmen, ganz nebenbei, mittlerweile auch das Deutschlandbild meiner Freunde aus Pakistan, Ghana und den Vereinigten Staaten. Ich bin nicht die Einzige in unserem Jahrgang, wir alle ziehen ständig diesen Vergleich zu unserem Heimatland – und wir alle werden so zwangsläufig und ungewollt zu Repräsentanten unseres Landes im Ausland. Ich frage mich, welche Verantwortung uns damit trifft. Und ob wir unser Land überhaupt repräsentieren können – und wollen.

Deutschland im Schnellformat       

Deutsche im Ausland sein bedeutet „Deutschland erklären“, wieder und wieder – für Menschen, die das Land nur aus den Nachrichten kennen und vielleicht noch das Gesicht von Angela Merkel. Selten denke ich so bewusst und so kritisch über mein Land nach wie wenn ich es Freunden aus aller Welt erkläre. Im Gespräch mit meiner amerikanischen Mitbewohnerin lerne ich zu verstehen, wo die Unterschiede zwischen amerikanischem und deutschem Feminismus liegen und beantworte im Gegenzug Fragen, die ich mir selbst auch noch nie gestellt habe: Wie wichtig sind den Deutschen eigentlich die Germanen, wurde ich vor kurzem gefragt. Stützt sich ein Teil eurer Identität auch auf diese Ära eurer Geschichte? Ich habe bisher nur im Geschichtsunterricht die Germanen behandelt und war dann einmal im Museum zur „Varusschlacht“, das ist alles, was ich weiß. Trotzdem beginne ich darüber nachzudenken und finde Antworten – irgendwo im Hinterkopf. In anderen Gesprächen habe ich schon die Bundestagswahl erklären müssen und das Ringen um die Jamaika-Koalition ins Englische übersetzt.

In dieser Rolle als Repräsentantin lerne ich. Ich sehe mein Land von außen, beginne mich über Dinge zu wundern, die mir in Berlin immer ganz selbstverständlich erschienen und erkläre auch mir selbst oft zum ersten Mal einige Phänomene, die mir bis dahin nie so aufgefallen waren. Aber ich komme auch ins Zweifeln, ob ich mit meiner ganz subjektiven Perspektive auf mein Land das Deutschlandbild meiner 90 Kommilitonen völlig verzerrt präge. Ich fühle mich verantwortlich. Meine Kommilitonen aus kleineren Ländern wie Uruguay teilen meine Sorge sogar noch mehr. Es ist gut möglich, dass sie der erste und letzte Uruguayaner sein werden, den wir Europäer in unserem Leben treffen werden. Was löst das aus?

„Privilege“ – wer bin ich eigentlich?

„Verantwortung“ ist erstmal ein schweres Wort, vor allem wenn man es im Kontext von studentischen WG-Parties und Seminar-Präsentationen in den Raum wirft. Aber ich möchte mal darüber nachdenken. Wer bin ich eigentlich, dass ausgerechnet ich das Deutschlandbild meiner Kommilitonen präge? Meine Eltern sind Lehrer, ich komme aus Berlin, bin Großstadtkind und Akademikerkind durch und durch. Was erzähle ich da eigentlich die ganze Zeit über „mein Land“, wenn ich doch die Situation vieler anderer Bewohner dieses Landes überhaupt nie am eigenen Leib erfahren habe? Im Amerikanischen nennt man meine Situation „privilege“ und aus genau dieser privilegierten Perspektive heraus lernen jetzt auch meine Kommilitonen auf mein Land zu schauen. Wenn ich also erzähle, dass Feminismus für uns junge Frauen in Deutschland ein wichtiges Thema ist, dann sage ich viel zu selten „die Studentinnen in meinem Freundeskreis“ und viel zu häufig ein generelles „Also wir in Deutschland“. Die Erfahrungen aus meinem Bekanntenkreis stülpe ich dann mal so eben einer Bevölkerung von 82 Millionen Menschen über – differenziert geht anders.

Kommilitonen aus noch diverseren Ländern als Deutschland teilen dieses Leid: Wenn ich meine amerikanische Kommilitonin Julia aus San Francisco frage, ob sie das Gefühl hat, „die Vereinigten Staaten“ zu repräsentieren, wird sie fast schon emotional: „Ich weiß, dass unsere Demokratie gerade am Leiden ist und trotzdem kann ich es nicht ausstehen, wenn Menschen in Bars oder meine Kollegen mich ständig danach fragen, als hätte ich irgendwas damit zu tun gehabt! Wir haben kein gemeinsames Amerikaner-Gefühl, jeder sieht das doch völlig anders.“

Repräsentantin deutscher Werte

Aber auch wenn wir nicht immer mit der aktuellen Politik in unserem Heimatland einverstanden sind oder bestimmte Phänomene mit unserem persönlichen Hintergrund und Wissen nicht erklären können, stehen wir dennoch für eine Kultur und einen Wertekanon, den wir schon in der Schule gelernt haben. Mein Verantwortungsgefühl für die grausamen Taten meiner Vorfahren während des Holocaust ist, so hoffe ich, etwas, das mich nach wie vor sehr deutsch macht. Und mein Pochen auf Rechtsstaatlichkeit und die Werte unseres Grundgesetzes bauen genau darauf auf. Was diese größeren Grundwerte angeht, bin ich sehr deutsch. Und ich merke an Diskussionen in unseren Vorlesungen ebenso – mal implizit und mal explizit -, wann jemand gerade aus seiner amerikanischen oder chinesischen Werte-Warte auf die Welt blickt.

Botschafter der Globalisierung

Aber mich stört noch etwas anderes an meinem Satz „Bei uns in Deutschland“: Mittlerweile bin ich häufiger im Ausland als im Inland, studiere hier und da und treffe Studenten aus Portugal während eines Auslandssemesters in der Türkei. Die Bundestagswahl habe ich aus Dänemark erlebt und per Livestream in mein kleines Zimmer geholt. Zur Wahl unseres Bundespräsidenten war ich gerade für ein Praktikum in Bulgarien. Bin ich nicht mittlerweile nicht vielmehr ein Botschafter der Globalisierung als ein Botschafter und Repräsentant meines Landes?

Wir alle, die wir im Ausland studieren und per Skype mit Freunden aus Uganda oder der Türkei Kontakt halten, sind Botschafter der Globalisierung. Viele von uns, auch meine Freunde von den Philippinen oder aus Pakistan, stammen aus einem sozialen Milieu, das sich Bildung und die Globalisierung von Bildung leisten konnte. Wir sind diejenigen, die ins Ausland zum Studieren reisen konnten und das Privileg hatten, so etwas wie eine „Transnationalität“ zu erleben.

Und doch: Verantwortung und „Privilege“ hin oder her, eines ist mir aufgefallen nach Jahren im stetigen Wechsel von In- und Ausland. Wer sich im Ausland mal so richtig „deutsch“ gefühlt und ständig diesen Satz „bei uns in Deutschland“ durch die Gegend geschleudert hat, der versteht vielleicht sogar ein bisschen besser, was „Deutsch sein“ eigentlich bedeutet. Ich bin eine Botschafterin der Globalisierung und verstehe genau deswegen mein Land mittlerweile ein bisschen besser. Denn ich habe es aus den Augen meiner Kommilitonen gesehen.


3 Lesermeinungen

  1. Im Ausland ist jeder Bürger Botschafter seines Landes / Unsere Verbindung zu den Germanen
    In der Summe ihrer Erfahrungen mit Bürgern anderer Länder formen sich die Menschen ein Bild von diesem Land – egal ob sie das Land bereisen oder Bürger dieses Landes im Ausland oder im eigenen Land kennenlernen. Dann wird verallgemeinert – es heißt nicht, Person X ist ein Depp, sondern sehr schnell, die Y sind Deppen. Oder umgekehrt profitiert man vom hohen Ansehen seines Landes im Ausland. Man kann Mercedes Benz gar nicht genug danken, denn die tun sehr viel für das gute Image unseres Landes ;-)
    Ich habe in den 90er-Jahren mehrere Monate in Israel verbracht – dort sind die Menschen natürlich besonders an Deutschen interessiert. Da ich klar erkennbar weit nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, war ich in keinem einzigen Fall einer Anfeindung ausgesetzt, aber immer wurde mir sehr viel Neugierde entgegen gebracht, wie ich wohl – stellvertretend für die Deutschen – so ticke. Umgekehrt fanden viele Israelis ihr Land sehr erklärungsbedürftig, da die Nachrichten (wie eigentlich immer) ein sehr verzerrtes Bild geben. Es sind halt überwiegend schlechte Nachrichten (Terroranschläge, Vergeltungsangriffe, Siedlungsbau), die die Berichterstattung prägen.
    Was die Frage nach den Germanen angeht: Im Kaiserreich wurde die Varusschlacht quasi zum Gründungsmythos verklärt. Interessant sind zwei Aspekte: Erstens waren schon die alten Germanen in viele Stämme zersplittert und der Lokalpatriotismus ist in Deutschland bis heute sehr ausgeprägt, obwohl die Leute viel mobiler als früher sind. Zweitens hat die Schlacht dafür gesorgt, dass Deutschland – anders als Spanien oder Frankreich – nicht romanisiert wurden. Das hat unsere Sprache und Kultur schon nachhaltig geprägt, denn es ist ein großer Unterschied, ob ich von einer fremden Kultur (die der Römer) durch Handel beeinflusst werde, oder von ihr besetzt und völlig verändert werde (wie in Frankreich). Insofern haben wir schon eine direkte Verbindung zu den Germanen, auch wenn natürlich noch viele Stämme von außerhalb auf heute deutsches Staatsgebiet vordrangen und die hiesige Kultur mit prägten. Dass das meist nicht friedlich vonstatten ging, sollte man bei der aktuellen Debatte um den Islam (gehört/gehört nicht zu Deutschland) nicht vergessen. Solange die Debatte friedlich läuft, ist alles im grünen Bereich. Dass nicht jeder eine fremde Kultur als Bereicherung auffasst, ist nur allzu menschlich und auch nicht immer von der Hand zu weisen. Sonst hätten die Germanen sich den Aufwand gegen Varus und die Römer gespart.

  2. Ich gehe davon aus, dass Gesprächspartner nicht so blöde sind, ...
    meine Meinung als offizielle Mehrheitsmeinung zu deuten. Ich hatte in dieser Hinsicht auch schon interessante Unterhaltungen. Indische Contract Entwickler, die von Ghandi gar nichts hielten. Amerikanische Westküstler, die mit ostentativer Verachtung auf den konservativen Mittelwesten und die Südstaaten schauten, während 200 km weiter im kalifornischen Hinterland während des ersten Golfkriegs Massen von Landeiern mit US-Flaggen und Schildern „Support our Boys“ an der Straßenecke demonstrieren. Ich habe an der englischen Südküste im Pub mit einem pensionierten Söldner geschwätzt, der das kostenfreie Fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln pries, und in Salisbury mit einem pensionierte Diplomaten, Einsatzgebiet China. In Peru fiel mir auf, dass die Indigenen oft sehr kirchenfeindlich waren. In Australien habe ich mal einen getroffen, der weder wusste wo Deutschland liengt noch es überhaupt kannte. Ich käme nie auf die Idee, die Äußerungen solcher Individuen einfach so zu verallgemeinern.

  3. Ich bin immer Repräsentant meiner Kultur
    Man muß sich darüber im Klaren sein, daß man im Ausland immer (!) mit den Augen der dortigen Bevölkerung, d.h. mit Augen Anderer gesehen wird. Die Frage, will ich oder will ich nicht Repräsentant meines Landes sein, kann so nicht gestellt werden: Ich bin immer Repräsentant meiner gesamten Kultur, einfach weil mich die Anderen zuerst als Angehöriger meines Landes und Träger meiner Kultur betrachten. Ich bin nicht z.B. Klaus Meier, der einen deutschen Paß besitzt, sondern ich bin (immer) zuerst der Deutsche, der Klaus Meier heißt! Jeder Mensch repräsentiert – gewollt oder nicht gewollt – seine Kultur. Einfach deswegen, weil diese Person zum gegenwärtigen Zeitpunkt die repräsentierende, d.h. die gestaltende und damit Verantwortung tragende Generation darstellt. Man kann sich niemals aus seiner Kultur davonstehlen. Dieses Verhalten mag gegenwärtig in bestimmten Kreisen in Deutschland Konjunktur haben, aber es in keinem Land dieser Welt verstanden.

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