Seventasticeminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Von Deutschland-Fähnchen und Windmühlen

| 4 Lesermeinungen

In einer Leipziger Mensa wurde vor dem WM-Auftakt der Nationalmannschaft eine Dekoration mit Deutschland-Wimpeln demoliert. Was steckt wohl hinter diesem Akt? Überlegungen in zerstörter Kulisse.

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Und wieder einmal ist es soweit: Anpfiff, der Ball rollt und ein – ästhetisch sicherlich fragwürdiger – Schein in schwarz-rot-gold legt sich über die Probleme und Bedenklichkeiten aller Art. Wichtig ist jetzt nur noch eines: der Titel. Zum fünften Mal Weltmeister. Vielleicht auch noch Bier, Public-Viewing, die ausgelassene Stimmung. Die jetzt nur nicht verderben mit Dieselaffäre oder Ankerzentren, oder Fragen über die Zukunft der EU. Stattdessen: Fahnen und Wimpel überall, neckische Devotionalien an allen Ecken und Enden. Man wird ja wohl noch gute Laune haben dürfen. So ist auch die Leipziger Mensa am Petersteinweg zum ersten Spieltag flott herausgeputzt und dekoriert – sogar ein WM-Schnitzel gibt es. Mit Rotebeete-Soße. Wegen Russland. Lecker. Schmeckenlassen kann man es sich auch, wenn der ganze andere Trubel einen nicht tangiert. Vielleicht sogar nervt.

Auf dem Weg raus aus der Mensa dann aber eine veränderte Kulisse. Wie der ärgerliche alte Mann von Nebenan, der den Gästen eines Kindergeburtstags die Luftballons zerplatzt, weil es in dieser Welt nichts zu feiern gibt – so haben hier ärgerliche junge StudentInnen die Wimpel heruntergerissen. Um den falschen Schein zu zerstören?

Oder ist die moralisch so selbstsichere und von außen betrachtet einfach nur blöde Don-Quijoterie selbst einer Täuschung aufgesessen? Statt in Windmühlen Riesen zu erkennen, sahen die Genannten wohl in der – eigentlich völlig harmlosen – Fähnchendekoration womöglich den Nationalsozialismus wieder auferstehen. Sie witterten vielleicht eine heimliche Gesinnungsfront von Reichsbürgern, Mensa-Personal und ‚patriotischen’ Macho-Fans. Traurigerweise beweisen sie damit aber selbst nichts als Unverstand und mangelnde Urteilskraft. Ein inferenzieller Kurzschluss von Wimpel auf Wehrmacht und ‚verkehrtes weltanschauliches Bewusstsein’ zeugt eher von politischer und menschlicher Unreife als von ernsthaftem Interesse an politischem Handeln.

Allmacht – oder Ohnmacht?

Marodierende Pseudo-Moral und abstrakter Eigendünkel bereiten nur denen Kummer, die in bester Absicht und mühevoller Arbeit die Mensa dekoriert haben. Deren Verständnislosigkeit offenbart, dass hier kein gemeinsames Bewusstsein vorliegt. Nicht einmal eine kommunikative Wirklichkeit hat solches Tun also. Man bezeugt damit ebenso großen Respekt vor arbeitenden Menschen (ja! diese Kategorie gibt es), wie wenn man Parolen an Toilettenwände kritzelt (und nein! so etwas weg zu putzen, ist nicht „deren Job“). Das nicht anzuerkennen ist genauso abstrakt, wie es andererseits abstrakt wäre, in den aufgehängten Fähnchen nur ein Zeichen guter Laune zu sehen. Es bleibt fraglich, was überhaupt ein richtiger Begriff politischen Handelns (mithin: politischen Lebens) wäre.

Georg Lukács schreibt, die Seele Don Quijotes sei enger als die wirkliche Welt. Für sie wird die Welt „ebenfalls eine engere, als sie in Wirklichkeit ist“. Sein Handeln wird auf diese Weise lächerlich und den Anderen ein Ärgernis. Vor allem zeigt sich aber darin das subjektive Unvermögen, die Welt zu begreifen, wie sie ist. Die psychologische Konstitution der Akteure mag dem entsprechen. Dabei ist aber fraglich, ob hinter ihrem Handeln auch nur unverstandener Idealismus steht, oder nicht vielmehr von bedenkenlosem ‚Politaktivismus’ gesprochen werden müsste. Der ist in Wirklichkeit so apolitisch wie Koksen oder Ausschlafen, Soli-Party oder Stickerkleben. Die bekenntnishafte ‚Politisierung’ der eigenen Pubertät ist allerdings das billigste Surrogat für etwas, das wirklich politisch wäre.

Man hebt den einen Schein nicht auf, indem man mit nur scheinbar ‚politischem’ Handeln ein anderes Gespenst heraufbeschwört und damit von dem ablenkt, was eigentlich im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen sollte. Es gibt genug Probleme; genug Gespräche, die endlich geführt werden müssten; genügend wirkliche Wirklichkeit, die – auch denkend – zu bewältigen ist, nicht nur wäre. Wenn Marx meinte, es komme darauf an, die Welt zu verändern, meinte er damit nicht, dass man aufhören sollte zu denken. Was ist denn „Nation“, was ist „Staat“ und in welchem Verhältnis kann einer dazu stehen? Wo beginnt der Bereich der „Politik“ – und wo hört er auf? Man kann solche Überlegungen nicht von sich weisen, ohne sie und damit das gemeinsame Leben in der Zukunft anderen zu überlassen. So sinnloses Handeln wie das Abreißen von Deutschlandfähnchen in der Mensa gibt manchem vielleicht ein Gefühl von Allmacht. Tatsächlich beweisen die Protagonisten damit aber nur die allergrößte Ohnmacht.


4 Lesermeinungen

  1. Fröhlich Feiern
    ist nicht jedem gegeben. Auch mich erinnern Weltmeisterschaften im Sport, Formel1 Autorennen und Olympische Spiele sehr an die römischen BROT UND SPIELE.
    Andrerseits haben ausgedehnte Auenthalte im Ausland mir gezeigt, dass mit dem Respekt vor der eigenen Flagge auch die Selbstachtung gekoppelt ist.
    Aber vielleicht sollte man diese Tat nicht überbewerten und als Dummenhungenstreich nehmen. Oder war es nur der Ärger über das schlechte Spiel unserer deutschen Mannschaft?

  2. Party-Patriotismus ist heutzutage makaber
    Die Nation ist ein politisches Konstrukt, dem die Menschheit zwar die Überwindung des Feudalismus, aber auch zwei grauenvolle Weltkriege zu verdanken hat. Den Nationalismus begleitet mittelalterliches Brimborium wie Wappen, Fahnen und Hymnen, was teilweise albern wirkt, aber auch einen gewissen Gebrauchswert bietet. In Zeiten eines erstarkten Nationalismus, der durchaus in einen menschheitsgefährdenden dritten Weltkrieg münden kann, ist die verwendung dieses Brimboriums im Rahmen von „Party-Patriotismus“ nicht mehr albern-aber-lustig, sondern einfach nur noch makaber.

    Im Übrigen hielt ich den Artikel für eine sarkastische Glosse, erst beim Ausbleiben der Schlußpointe fiel mir auf, dass ich gar nicht die Titanic lese.

  3. Guter Beitrag!
    Ich musste mir anhören, als ich Polizisten bedauerte, die mit einem aggressiven schwarzvermummten Mob sich auseinandersetzen mussten: „Aber die sind doch dafür da!“ – Im übrigen glaube ich, dass die Aggressivität gegen Schwarz-Rot-Gold nicht auf fehlende Geschichtskenntnisse zurückzuführen ist. Schwarz-Rot-Gold steht für die freiheitliche Republik, und die ist nicht nur den Totalitären von Rechts mit ihren Reichskriegsflaggen, sondern auch den Totalitären im progressiven Gewande verhasst, namentlich der Antifa.

  4. Wer die Flagge der deutschen Revolutionen von 1848 und 1918 in den Dreck wirft, zeigt,
    dass er rein gar nichts verstanden hat. Es handelt sich bei unserer Flagge nicht um die preußische- oder die Reichsflagge. Wer diese unsere Fahne bekämpft, bekämpft damit demokratische, liberale und europäische Werte – da haben sich ein paar einfältige Jugendliche unabsichtlich selbst demaskiert.

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