Seventasticeminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Viele Holzwege führen nach Rom

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Den Universitäten fehlt es an Geld, die Strukturen sind marode, der Nachwuchs verlässt das Land. Die italienische Forschung befindet sich in einer tiefen Krise. Schafft sie es aus eigener Kraft heraus?

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© dpaPalazzo della Sapienza mit der früheren Universitätskapelle aus dem 17. Jahrhundert

„Bitte entschuldigen Sie die kaputten Sitze in diesem Seminarraum“, sagt Giorgio Parisi, Professor für Quantentheorie an der Sapienza Universität Rom zu den Mitstreitern , einer im Februar 2016 ins Leben gerufenen Initiative zur Rettung der italienischen Forschung. „Wir hatten ein begrenztes Budget“, sagt er weiter, „und ich musste wählen, ob ich Bücher kaufen oder die Sitze reparieren sollte. Ich entschloss mich für die Bücher.“

Das abnehmende Budget für die Universitäten und die Forschung beunruhigt viele italienischen Wissenschaftler so sehr, dass viele von Krise sprechen. Parisi und weitere berühmte italienische Professoren wie Giovanni Ciccotti, Duccio Fanelli oder Vincenzo Fiorentini hoffen jetzt, die Europäische Union davon überzeugen zu können, auf die italienische Regierung Druck auszuüben, um die Forschungsmittel auf ein höheres Niveau (3 Prozent des BIP) gegenüber dem derzeitigen (1 Prozent des BIP) zu heben. Sie haben auch .

Keine transparente Planung

„Unter den Industrieländern hat Italien die geringste Anzahl von Hochschulabsolventen“, sagt Giorgio Parisi, „von 2008 bis 2014 ist die Zahl der immatrikulierten Studenten an den italienischen Universitäten um 20 Prozent zurückgegangen und das finanzielle Budget für die Professoren ist um mehr als 22 Prozent gesunken“ (siehe auch und ).

© di Antonio Di Gennaro Ufficio Stampa della Presidenza della RepubblicaGiorgio Parisi empfängt eine Auszeichnung von Giorgio Napolitano

Darüber hinaus treiben die begrenzten Ressourcen junge italienische Forscher dazu, ins Ausland zu gehen; später ist es unwahrscheinlich, dass sie in ihr Land zurückkehren.

„Es gibt Länder wie Frankreich, die für die Wissenschaft einladend sind. Italien gehört nicht dazu“, klagt Parisi. „In Frankreich forschen zum Beispiel im Bereich der statistischen Mechanik inzwischen mehr Italiener als Forscher aus jedem anderen Land.“

Roberto Navigli, Professor an der Fakultät für Informatik der Sapienza Universität, ist einer der wenigen italienischen Forscher, die es , ein Team von zehn Forschern aufzubauen. Er freut sich, seinen Mitarbeitern das italienische Durchschnittseinkommen zahlen zu können. Außerdem reicht sein Budget, um ausländische Forscher einzuladen. Navigli gibt zu, sich in einer außergewöhnlich guten Situation zu befinden. Andere Diszipilinen sind in der Industrie weniger gefragt und finden daher keine vergleichbare Unterstützung.

Navigli sieht viel Nachholbedarf in der italienische Forschungsorganisation. Eine transparente Planung für Bewerber wäre zum Beispiel wichtig. „In Italien wissen wir nie, wann eine Position offen sein wird“, sagt Navigli, „in Frankreich ist das anders, dort wissen alle Forscher, von welchem Datum an bestimmte Stellen vakant sind.“

Die attraktiven Verträge werden kaum noch vergeben

An anderer Stelle türmt sich wiederum ein Berg von Bürokratie vor den Wissenschaftlern auf, der besonders ausländische Forscher vergrämt. „Ich hatte einen amerikanischen Postdoc, der nach einem Jahr beschloss, in die Staaten zurückzukehren, weil er der italienischen Bürokratie überdrüssig war.“

Roberto Navigli (Mitte) im Kreis seines Teams

Navigli findet es großartig, dass italienische Forscher ins Ausland gehen, um mehr Bildung zu erhalten, das Problem sei nur, dass sie nie zurückkehrten: „Wir investieren in unsere jungen Studenten, wir bereiten sie vor, wenn wir sie verwenden könnten, drängen wir sie aber in andere Länder.“

Ugo Marzolino, 34, wurde 2011 in Physik an der Universität Triest promoviert, nach einem Jahr als Postdoc in Salerno zog er nach Freiburg. Danach war er Postdoktorand an der Universität Ljubljana und hat nun einen Vertrag für zwei Jahre beim Ruđer-Bošković-Institut in Zagreb, Kroatien.

„“, berichtet Ugo. „Das neue System definiert zwei Kategorien von Verträgen: Typ A und Typ B. Bei Typ A erhält ein Forscher einen Vertrag von drei bis fünf Jahren von einer Universität, eine weitere Verlängerung an der gleichen Universität ist nicht möglich. Wenn die Universität plant, eine unbefristete Stelle zu schaffen, wird dem Forscher ein Vertrag Typ B angeboten, bei dem er/sie nach drei Jahren ein ständiges Fakultätsmitglied wird. Andernfalls muss er oder sie mit einem Typ-A-Vertrag an einer anderen Universität tätig sein.“ Als Folge des begrenzten Budgets werden Typ-B-Verträge kaum noch vergeben.

Kaum eine Chance auf Rückkehr

„Dieses System hat eine lange Schlange von Forschern geschaffen, die eine feste Anstellung suchen“, sagt Ugo. „Das Problem begann in den achtziger Jahren, in denen mehr Professoren eingestellt wurden als benötigt. Das behindert noch heute die Möglichkeit für Postdocs auf eine Professur. Nur wenn eine Generation von bereits älteren Postdocs auf eine Festanstellung verzichtete, könnte das System wieder funktionsfähig werden“.

© dpaStudentenprotest vor dem Hautgebäude der Sapienza-Universität in Rom

Wenn eine Universität einmal eine neue Stelle besetzt, ist der Nutznießer meist schon ausgewählt. Externe Kandidaten haben kaum eine Chance. Insbesondere jenen, die die Region für eine Weile verlassen haben, fehlt der Ansporn zurückzukehren.

„Die Tatsache, dass ein interner Kandidat privilegiert wird, ist per se nicht schlecht“, sagt Ugo. „Jeder versteht, dass, wenn eine Fakultät seit mehreren Jahren einen Postdoc hat, dessen Familie dort lebt und der eine gute Qualifikation besitzt, dieser an der Spitze der Liste steht. Aber es sollte eben auch andere Positionen für externe Kandidaten geben. In den letzten Jahren gab es diese aber nicht.“

In Italien zu bleiben, um die Chance auf eine Anstellung zu verbessern, ist aber auch keine gute Idee. „Das tötet die Freiheit in der Wissenschaft“, sagt Ugo, “wenn du jünger bist, bist du kreativer und es macht Sinn, andere Forschungsgruppen auf der Welt zu besuchen. Davon abgesehen sollte es ein System geben, in das du zurückkommen kannst.“

Hohe Zitationsrate

Während Italien seine kostbare Forschungskapazität nicht wertschätzt, tun dies andere Länder sehr wohl. Arianna Montorsi, Professorin am Politecnico di Torino, hat eine Analyse durchgeführt, die zeigt, wie Italien seine Position in der Forschung immer mehr verliert.

„Das Forschungssystem eines Landes hängt von zwei Hauptelementen ab“, sagt Montorsi, „das eine ist das Humankapital und das andere ist die Struktur, die aus den Ressourcen, den Dimensionen des Systems und der Koordination besteht.“

aus dem Jahr 2014 wurde ein Viertel aller wissenschaftlichen Artikel in den Vereinigten Staaten veröffentlicht, gefolgt von China mit 20 Prozent. Erstaunlicher ist, dass Italien die größte Anzahl von Papern pro Forscher zu bieten hatte, gefolgt von Kanada und Großbritannien.

„Die Anzahl der Artikel ist vielleicht kein guter Indikator für die Qualität der Forschung“, fügt Montorsi hinzu, „deshalb müssen wir uns auch die Anzahl der Zitationen anschauen. Während amerikanische Forscher am häufigsten zitiert werden, dominieren die Italiener die Zahl der Zitationen pro Forscher.“ Diese Analyse beweist die Leistungsfähigkeit italienischer Forscher trotz ihrer begrenzten Ressourcen.

„Unsere Wissenschaftler sind sehr gut“, schließt Montorsi, „aufgrund der schlechten Struktur verlieren wir aber nicht nur finanzielle Unterstützung durch EU-Forschungsgelder, sondern auch das Humankapital.“

Trotz all der überzeugenden Analysen und guten Gründe, die Situation zu ändern, steht zu befürchten, dass die italienische Politik das Problem in absehbarer Zeit nicht lösen können wird.


1 Lesermeinung

  1. Jemand der wirklich was kann in der Forschung bekommt auch srine EU Anträge bewilligt
    Dke Anzahl der Zitationen als Qualktätsmerkmal ist fragwürdig denn gerade in den USA zählt Networking von daher zitierst du mich zitiere ich dich. Und die meist Amerikanischen Verlage bevorzugen US Forscher sowieso masslos.
    Die Qualität von US Forschungs Artikeln ist in der Masse eher Mittelmaß. Da gilt Masse vor Klasse.

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