Seventasticeminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Studieren auf Kuba: Wenn du gerne planst, bist du hier falsch

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Havanna ist für viele ein legendärer Ort: Ernest Hemingway schrieb hier bei Rum-Cocktails Weltliteratur. Heute ist die Stadt vom Rest der Welt abgekapselt. Wie studiert es sich hier? Ein Gespräch mit Haruna Oroku.

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© Henrik PomeranzHaruna Oroku

Nach dem Regen des Morgens trocknen die Straßen gerade wieder und das überschwängliche Leben kehrt zurück. Wir sitzen in einer Hotellobby mit Blick auf den Malecon, jene berühmte Straße, die entlang der Küste Kubaner wie Touristen anzieht, um zu flanieren, sich zu sonnen oder auf einen Drink zu treffen. Haruna Oroku lebt hier seit vier Monaten. Sie belegt an der Universidad de la Habana einen Intensivkurs „Spanisch“.

F.A.Z.: Du bist aus dem japanischen Okinawa nach Havanna gezogen. Wie anders ist das Leben hier?

Haruna Oroku: In Okinawa ist das Klima ähnlich, darum kommt mir die Pflanzenwelt vertraut vor. Aber ansonsten unterscheidet es sich sehr. Das Leben findet hier auf der Straße statt. Die Unterhaltung der Menschen besteht darin rauszugehen. Die Kinder spielen Fußball und Baseball auf der Straße, meistens mit selbstgebastelten Schlägern. Die Erwachsenen erzählen miteinander.

Warum hast du dich für Kuba als Studienland entschieden?

Weil ich das Salsa-Tanzen und die kubanische Kultur liebe.

Wie kommst du als junger Mensch damit klar, dass es hier kaum Internet gibt?

Zuerst bin ich zweimal am Tag in den Park gelaufen, wo eine WLAN-Zone eingerichtet wurde. Dort hat man aber auch nur Internet, wenn man sich einen teuren Stundenpass kauft. Doch je länger man hier ist, desto weniger vermisst man das Internet. Jetzt fühle ich mich viel entspannter als früher in Japan. Dort bin ich meistens zuhause geblieben und habe mir eine Serie nach der anderen angeschaut. Jetzt bin ich gezwungen rauszugehen.

© Henrik PomeranzStraße in Havanna

Was erlebst du?

Es passiert so unglaublich viel Spannendes! Neulich laufe ich die Straße entlang, an einem großen Laster vorbei, auf der Ladefläche Dutzende Polizisten. Ich konnte es kaum glauben, aber Sie haben mir Anmachsprüche hinterhergerufen und gehupt. Ein anderes Mal hatte ein riesiger LKW eine Panne – und wurde von zehn Männern die Straße herunter geschoben. Hier gibt es wirklich Drama und Komödie nebeneinander auf der Straße – und Liebe. Einmal kam ich nach Hause und überraschte zwei Teenager, die im Hausflur Sex hatten. Die jungen Leute haben hier nicht viel Privatsphäre, weil sie bei ihren Eltern wohnen und vielleicht nicht einmal eigene Zimmer haben.

Wie anstrengend ist das Studium?

Hier ist alles ziemlich entspannt. Eigentlich sollten wir 20 Semesterwochenstunden haben, aber tatsächlich haben wir bloß zehn. Wir bekommen dazu noch Hausaufgaben wie etwa ins Museum zu gehen und später im Kurs davon zu erzählen. Richtige Hausaufgaben haben wir selten. Alle vier Wochen gibt es einen Test, aber nur die mündlichen werden benotet.

© picture-allianceAm Prado Boulevard in Havanna

Was hat das Studentenleben in Havanna zu bieten?

Mit unserem Studentenausweis können wir die Preise der Einheimischen bezahlen. Die Touristenpreise sind oftmals mehr als das Fünfundzwanzigfache dessen. So kommen wir etwa billig in Konzerte im Gran Teatro. Abends geht man meist zusammen etwas trinken, hier am Malecon oder in einem Park. Am liebsten aber gehe ich Salsa tanzen. Weil wir Stundeten nicht viel Geld haben, gehen wir dort tanzen, wo es die Einheimischen hinzieht. Da ist es eigentlich sehr billig, aber wenn die Barkeeper sehen, dass du ein Ausländer bist, versuchen sie, dich übers Ohr zu hauen und verlangen ein Vielfaches des eigentlichen Preises. Darum gehen wir immer in die gleichen Salsa-Clubs, wo wir die Bedienung kennen. Aber für Ausländer ist es schon schwer, echte Freunde unter den Kubanern zu finden.

Angesprochen wird man ja oft.

Das Anmachen auf der Straße nennen sie „piropo“. Dann rufen sie einem hinterher: „Hey Süße, hey, Schöne! Ich will mit dir einen Kaffee trinken!“ Das passiert hier andauernd, selbst wenn man nur ein paar Schritte geht.

© picture-allianceBlick auf die Universidad de La Habana

Studieren die Europäer, die du kennst, gerne hier?

Die meisten waren denke ich schon mal hier und wussten, dass sie es mögen. Das würde ich auch unbedingt empfehlen: Kuba vorher auszuprobieren, denn vielleicht hasst man es hier! Kuba ist kein bequemes Land. Selbst die einfachsten Dinge sind hier schwierig. Wenn man am Tag vier Dinge erledigen will, schafft man nie alle. Mal bekommt man das eine nicht im Supermarkt, mal das andere nicht. Im Moment gibt es etwa eine große Toilettenpapier-Knappheit. Toilettenpapier – in ganz Havanna! Das muss man sich mal vorstellen. Gestern hatte ich sechs Stunden lang Stromausfall in meiner Wohnung. Wenn du es also magst, alles durchzuplanen und dass alles sauber ist, dann ist das hier der falsche Ort für dich!

Was studieren die anderen ausländischen Kommilitonen?

Es scheint, dass viele internationale Studenten wegen der Medizin hierher kommen. Ich kenne zwei japanische, einige afrikanische und auch lateinamerikanische Medizinstudenten. Ein weiterer afrikanischer Bekannter studiert Zahnmedizin. Wenn ich Kubanern erzähle, dass ich an der Universität von Havanna bin, fragen fast alle, ob ich Medizin studiere. Ein anderer japanischer Freund von mir studiert Politik und Accounting. Die Hälfte der ausländischen Studenten sind Chinesen, heißt es.

© Henrik PomeranzEin Taxifahrer putzt nach dem Regen seinen Wagen.

Wie ist das Essen?

Man kommt definitiv nicht wegen des Essens nach Kuba. Es gibt nicht viel Auswahl. Letzte Woche gab es Zwiebeln, Avocados und Salat. Wie soll ich bitte damit kochen?

Guacamole jeden Tag …

Genau, das habe ich gemacht! Im Restaurant gibt es eigentlich immer nur Reis und Bohnen, entweder mit Hühnchen, Schwein oder Fisch. Um Havanna herum gibt es aber wenig Fischfang, weil viele die Fischerboote genutzt haben, um sich nach Florida abzusetzen, sagt man.

Ist man hier richtig, wenn man ernsthaft Spanisch lernen will?

Eher nicht. Wenn man intensive Spanischkurse mit Hausaufgaben und allem will, dann ist das hier der falsche Ort. Man müsste sich schon selber pushen, um fleißig zu sein. Aber wenn man genug motiviert ist, kann man das auch zwischen all diesen entspannten Leuten hier schaffen.

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Haruna Oroku hat International Communication an der Macquarie University in Sydney studiert. Zuletzt hat sie in Japan als Übersetzerin gearbeitet und will künftig verstärkt für japanische Unternehmen in Lateinamerika tätig werden.

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. Die Seite wirkt aus der Zeit gefallen und ist sehr schwer zu bedienen – womit sie ein guter Vorgeschmack darauf ist, was einen auf Kuba erwartet.


2 Lesermeinungen

  1. Es gibt größere kubanische staatliche Fischerboote
    Der Fang dieser kubanischen Boote geht jedoch an mexikanische Großhändler, die den Fisch sofort in die USA exportieren.

  2. AUSTAUSCHSTUDENT
    Vor einigen Jahren traf ich deutsche Austauschstudenten am Flughafen von Havanna (ich hatte mein Segelboot auf Cayo Largo), die meinten, das einzige Gesprächstheme an der Uni wäre: wie komme ich aus dem Land! Der Fischreichtum ist gigantisch- es stimmt, es gibt keine grösseren Fischerboote, den alle, die existierten, sind zur Republikflucht verwendet worden und die Ruderboote, die verblieben, bringen wenig Fang… die Staatlichen Ferrozementboote agieren nur auf geschützem Wasser zum Langustenfang für die Export- und Tourismusindustrie!

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