Seventasticeminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Seminararbeiten – alles für die Tonne?

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Bis zu zehn Hausarbeiten müssen Studierende im Semester schreiben. Ein Großteil davon verstaubt in Regalen oder auf Festplatten. Dabei gibt es Möglichkeiten der Zweitverwertung – hier sechs Vorschläge.

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Mit Haus- oder Semesterarbeiten sollen Studierende beweisen, dass sie wissenschaftlich arbeiten können. Doch oft liest nur der Dozent die Ergebnisse, nach Korrektur und Notenvergabe kräht kein Hahn mehr danach. Das ist schade, denn meist steckt viel Herzblut, Arbeit und Anspruch in dem Beweis der akademischen Fähigkeiten. Zudem können gerade Gedanken zu aktuellen gesellschaftlichen Diskursen eine Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis schlagen und manchmal sogar ein kleines Zubrot generieren. Es gibt mindestens sechs sinnvolle Möglichkeiten, um Uni-Arbeiten eine zweite Bestimmung zu geben.

Als Buch oder E-Book publizieren

Ob bei , oder : Allein im deutschsprachigen Raum gibt es verschiedene Plattformen, auf denen wissenschaftliche Texte sozusagen im Eigenverlag veröffentlicht werden können. Beim Münchner Grin-Verlag beispielsweise, der im März 2018 sein 20-jähriges Jubiläum feiert und derzeit mehr als 195.000 Titel im Repertoire hat, ist das Selfpublishing für die Autoren kostenlos, die Rechte am Werk bleiben beim Verfasser. Bei jedem eingereichten Beitrag wird zunächst überprüft, ob er akademischen Standards gerecht wird, ob etwa ein Literaturverzeichnis und saubere Quellenangaben vorhanden sind. „Das kann wenige Tage bis einige Wochen dauern, je nach Umfang“, so Elena Zharikova, verantwortlich für das digitale Projektmanagement bei Grin. Nach der Freigabe erhält der Beitrag eine eigene ISBN und wird als E-Book sowie als Buch im sogenannten „Print-on-Demand-Verfahren“, also dem Druck auf Bestellung, auf den Verlagsseiten und auf Online-Buchshops vertrieben, ebenso kann das Werk direkt in eine Buchhandlung bestellt werden. .

„Unabhängig vom Thema geben wir jedem wissenschaftlichen Beitrag eine Chance darauf, veröffentlicht zu werden“, so Zharikova. Insgesamt verkaufen sich 93 Prozent aller veröffentlichten Texte auch. Besonders gut gelesen werden Arbeiten aus den Bereichen Wirtschaft, Pädagogik und Lehramt, Pflege oder auch den Kultur- und Sprachwissenschaften. Forschungen mit aktueller Relevanz, wie derzeit etwa zu Kryptowährungen, Digitalisierung und Industrie 4.0 oder der Flüchtlingsintegration. „Wer mit seinen Arbeiten an aktuelle gesellschaftliche Diskurse anknüpfen kann, hat gute Chancen, sich etwas dazuzuverdienen.“ Titel, die sich gut verkaufen, könnten schon mal ein hohes drei- oder vierstelliges Honorar erzielen, so Zharikova. Die meisten Erlöse fielen aber wesentlich kleiner aus. Manche Autoren entscheiden sich deshalb gerade bei kürzeren Arbeiten für ein fixes Einmalhonorar über meist zehn Euro. „Die Hauptmotivation der meisten Autoren besteht darin, ihr Wissen zu teilen und eine professionelle Veröffentlichung mit ISBN herauszubringen“, so Zharikova.

Typische Szene während der „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ in Hamburg

Als Fach-Artikel veröffentlichen

Wem der potentielle Leserkreis auf den Selfpublishing-Plattformen zu gering oder zu unspezifisch ist, sollte versuchen, aus seinem Beitrag einen Artikel für ein Fachmedium zu erzeugen – auch wenn die Hürde, sich beispielsweise an die Redaktion eines Fachmagazins zu wenden, höher ist und auch einen gewissen Mut erfordert. „Ob ein Themenvorschlag erfolgreich ist und ein Artikel veröffentlicht wird, ist eine Einzelfallentscheidung der jeweiligen Redaktion“, so Brita Westerholz, Leiterin der Unternehmenskommunikation beim . Der dfv gibt über seine Tochtergesellschaften etwa 100 Fachzeitschriften und mehr als 100 digitale Angebote heraus. Generell richteten sich die Publikationen jedoch an den Informationsbedarf von Praktikern beziehungsweise an Menschen im direkten Berufsumfeld. „Dadurch haben Studienarbeiten mit praktischem Bezug zur Arbeitswelt größere Chancen als rein wissenschaftliche Abhandlungen“, so Westerholz.

Für einen Preis einreichen

Viele staatliche Institutionen und Unternehmen haben sich die Förderung des Nachwuchses und die Suche nach jungen Talenten auf die Fahnen geschrieben. Deshalb gibt es allein in Deutschland eine Vielzahl an Stiftungen, die Abschlussarbeiten prämieren oder Studienstipendien an besonders vielversprechende Autoren vergeben. So können beispielsweise für den der Körber-Stiftung Dissertationen in den Fächergruppen Sozialwissenschaften, Natur- und Technikwissenschaften, Geistes- und Kulturwissenschaften eingereicht werden.

Der erste Platz in jeder Disziplin erhält 25.000 Euro, je zwei zweite Preise 5000 Euro. Es muss auch nicht immer gleich eine Doktorarbeit sein. Die DZ-Bank beispielsweise vergibt im Rahmen ihres für Bachelorarbeiten aus dem Bereich Wirtschaft und Finanzen an den Erstplatzierten 4500 Euro, für den zweiten Platz 3000 und an den Drittplatzierten 1500 Euro, für eine Master-Arbeit gibt es für Platz eins 7500 Euro, für den Zweitplatzierten 5000 Euro und für Platz drei 3500 Euro.

Einen Praxisbezug will wiederum die Hochschule für den öffentlichen Dienst mit dem , gestiftet vom Deutschen Beamtenbund, herstellen. Prämiert werden Diplom-, Bachelor-, oder Master-arbeiten, die besondere praktische Lösungsvorschläge für komplexe Probleme in Verwaltung oder Unternehmen im öffentlichen Sektor entwickelt haben. Der erste Platz wird mit 1000, der zweite mit 600 und der dritte mit 400 Euro belohnt.

Wer denkt, niemand interessiere sich für eine Studienarbeit in einem eher exotischen Fach, der irrt. So gibt es etwa den mit 2500 Euro dotierten für Dissertationen, Diplom-, Bachelor- und Masterarbeiten sowie andere vergleichbare Schriften, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Gehölzkunde beschäftigen. Es kann also bares Geld wert sein, sich im Internet durch die Vielzahl an Angeboten zu klicken und seine Arbeit einzureichen. Eine erste gute Übersicht bietet beispielsweise

Einen Wikipedia-Eintrag anlegen

Wer besonders idealistisch veranlagt ist und seine Arbeit nicht unmittelbar in bare Münze oder öffentliche Ehren umwandeln will, kann sich überlegen, aus seiner Arbeit einen Wikipedia-Eintrag zu erstellen. An der Universität Heidelberg beispielsweise bietet Friederike Elias, wissenschaftliche Mitarbeiterin des dortigen Max-Weber-Instituts für Soziologie, Studierenden im Rahmen der Lehrveranstaltung „Techniksoziologie“ sogar an, sich zwischen der klassischen Hausarbeit und einem Lexikonbeitrag als Leistungsnachweis zu entscheiden.

„Ich habe überhaupt nichts gegen Hausarbeiten“, sagt Elias. „Aber ich finde es gut, den Studierenden die Möglichkeit zu geben, einen starken Praxisbezug herzustellen.“ Die Idee zum Wikipedia-Artikel als Leistungsnachweis entstand im Rahmen eines interdisziplinären Sonderforschungsbereichs, in dem Elias gemeinsam mit dem Philosophie-Dozenten Christian Vater untersucht, wie sich Lesen und Schreiben durch technische Einflüsse, im Falle von Wikipedia durch die Verwendung des Hypertextes, verändert. Wer sich für den Lexikon-Beitrag entscheidet, besucht eine begleitende Übung, in dem ihm die technischen und formalen Voraussetzungen vermittelt werden. „Ansonsten müssen für die Wikipedia genauso wie für eine Hausarbeit die relevanten Quellen erarbeitet und der aktuelle Forschungsstand  abgebildet werden. Lediglich eine eigene Meinung zum Thema wird nicht abgebildet“, so Elias. Zudem sei es für sie Aufgabe der Universitäten, ihren neuesten Wissensstand mit der Gesellschaft zu teilen – und mit einem Wikipedia-Eintrag könne jeder Einzelne bereits einen Beitrag dazu leisten.

Auch ihr Kollege schätzt diese Überlegung als Motivation für die Studierenden. „Es ist für sie ein gutes Gefühl zu wissen, dass nicht nur der Dozent ihre Arbeit liest“, so Vater. Die Wikipedia habe zudem eine starke Community, die unmittelbar Rückmeldung auf einen Beitrag gebe. Genau das sei ein Vorteil für Studierende, die sich ganz alleine an einem Eintrag versuchen wollten, so der Dozent. „Wer Probleme hat, kann sich bei den Wikipedianern Hilfe holen.“

Eine Abschlussarbeit darauf aufbauen

Wem das Thema einer Haus- oder Semesterarbeit besonders viel Spaß gemacht hat, der kann sich überlegen, ob er nicht am Ball bleibt und eine Diplom-, Bachelor- oder Masterarbeit darauf aufbaut. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die erste wichtige Literaturrecherche steht bereits. Zudem weiß man, an welchem Punkt des Themas es sich lohnt, weiter in die Tiefe zu gehen, kennt mögliche wichtige Ansprechpartner und weiß um die Ansprüche, die der betreuende Dozent hat – das spart Zeit, Nerven und voraussetzungsloses Grübeln über ein völlig neues Thema.

Zu beachten dabei ist, dass inhaltlich Neues klar herausgestellt werden muss. Denn gerade bei Dissertationen sei es in den letzten Jahren immer häufiger vorgekommen, dass Autoren große Teile aus der eigenen, noch unveröffentlichten Master- oder Magisterarbeit in unstatthafter Weise zitiert hätten, wie etwa der Wissenschaftsrat, das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium in Deutschland, oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft bemängeln. Deshalb sollte jeder Studierende vorsorglich einen Blick in die Prüfungsstatuten seines Fachbereichs werfen, ob und wenn ja, in welcher Form, er von sich selbst abschreiben darf.

Einen Youtube-Kanal gründen

© dpaMirko Drotschmann bei einer Veranstaltung mit Thomas de Maiziere und der Youtuberin Nemi El-Hassan

Sehr ambitionierte Studierende mit hoher Affinität zu den neuen Medien können sich überlegen, ihr Thema für ein Youtube-Video aufzubereiten. „Ich habe meine ersten Beiträge auch auf Hausarbeiten aus meinem Geschichtsstudium aufgebaut“, sagt Mirko Drotschmann, in der Szene besser bekannt als . Auf seinem Youtube-Kanal erklärt er einem jungen Publikum vor allem Ereignisse aus Geschichte, Politik und Zeitgeschehen. Allerdings empfiehlt er, nicht nur ein einziges Video zu produzieren, sondern mehrere, um einen ganzen Kanal bestücken zu können – „sonst geht man in der Masse unter.“ Wem das zu viel Arbeit sei, der könne versuchen, das ganze Seminar zum Mitmachen zu animieren. Dann dürfe es sich llerdings nicht um ein sehr spezielles Oberthema drehen. „Fünf Videos zum Thema Kulturpessimismus in den frühen Sechzigern schaut sich kaum jemand an“, so Drotschmann. Er rät, sich eher generelle Themen auszusuchen, die viele Menschen interessieren, etwa den Ablauf einer Bundestagswahl.

Und natürlich müsse man sich vor der Kamera wohlfühlen:„Wer sich mit Jugendslang anbiedern will, wirkt wenig authentisch.“ Auch die Gründer von , Eduard Flemmer und Simon Wessel-Therhorn, finden es entscheidend, sich nicht zu verstellen. Die beiden Physik-Studenten erklären auf ihrem Kanal mathematische und naturwissenschaftliche Phänomene mit dem Anspruch, sie leicht verständlich und unterhaltsam rüberzubringen. Angst vor möglichen technischen Hürden zerstreuen sie: „Die Voraussetzungen sind heutzutage so niedrig, dass kann jeder mit seinem Smartphone.“ Sie raten allerdings dazu, sich wenigstens ein Stativ und ein Ansteckmikro anzuschaffen. „Die gibt es schon für unter zehn Euro“, so die „LekkerWisser“.

Inhaltlich sollten sich die Studenten zunächst bewusst machen, dass sie einen enormen Wissensvorsprung hätten, den sie beim Zuschauer nicht voraussetzen können. Wie Drotschmann sagen auch die beiden Naturwissenschaftler, dass Youtube eher belohne, was für die breite Masse verständlich sei. Wichtig sei auch, sich vorher ein kurzes Konzept mit Stichworten zu schreiben, an dem man sich während des Drehs orientieren könne, um keine Logiksprünge zu vollführen. Und nicht zu vergessen sei: „Im Gegensatz zur Schriftform ist Video ein audiovisuelles Werk.“ Wer also etwas über Kristalle erzählt, sollte einen in die Kamera halten oder Aufnahmen davon zeigen. Sowohl die Jungs von „LekkerWissen“ als auch „MrWissen2go“ sagen ganz klar: Einfach und schnell verdiene niemand Geld mit Youtube. Der Spaß daran, das eigene Wissen an andere weiterzugeben, müsse im Vordergrund stehen.

Gibt es weitere Möglichkeiten zur Zweitverwertung – was macht ihr mit euren Studienarbeiten? Natürlich kann man die Ergebnisse auch in Artikelform einer Online-, Wochen oder Tageszeitung anbieten.


14 Lesermeinungen

  1. Einfache Lösung
    Man kann es auch einfach auf einer Plattform wie academia.edu oder researchgate einstellen, wenn man seine Seminararbeit unkompliziert einem breiten Publikum zugänglich machen will.

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