Seventasticeminar

Seventasticeminar

Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Kleine Typologie des universitären Grüßens

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Begegnung an der Hochschule ist eine tägliche Herausforderung. Zwischen „Guten Tag“ und einer sekundenlangen Umarmung kann viel schiefgehen. Hier ein paar Vorschläge zur Lösung des Grußproblems. 

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Die Begrüßung ist so etwas wie die Eröffnung des ersten Aktes: Sie bestimmt, ob jetzt ein Drama zu erwarten ist oder eine Komödie. Auf dem Campus ist es meist eine Groteske. Aber wenn es ein Spiel wäre, ließen sich die täglichen Begegnungen in vier Schwierigkeitsgrade unterscheiden: Leicht, Normal, Schwer und Selbstmord.

Dabei steht „leicht“ für: Beide kommen aus demselben Milieu, derselben Region, haben ein ähnliches Temperament, sind Erstsemester, studieren dasselbe Fach, freuen sich, einander zu sehen und erkennen sich als verwandte Seelen. Hier ist auch bei Fremden mit einer zwei-bis-drei-sekündigen Umarmung zu rechnen – Alter und Aussehen egal. Allein die Erleichterung, kein Sonderling mit seiner Art und seinem Fach zu sein, ist Anlass genug. Bei dieser Eröffnung folgt keine kafkaeske Groteske in den kommenden Kapiteln, da bahnt sich eine politisch korrekte Mischverfilmung aus Sissi und Bambi an mit den Glücksbärchis in allen Hauptrollen. Später in der gemeinsam verfassten Autobiografie werden die Seelenzwillinge sagen, es war platonische Liebe auf den ersten Blick und ihre imaginären Kinder könnten gar nicht anders als durch das Beispiel dieser Schönen Seelen an das Wahre, Gute und Schöne zu glauben. Diese Menschen werden sich bei jeder Wiederbegegnung herzlich knuddeln, weil das eben in ihrem Wesen liegt. Für solche Menschen ist dieser Text ab jetzt unverständlich.

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„Schwer“ steht für eine Situation, die sich nur der Höflichkeit halber noch nicht als „Feindkontakt“ bezeichnen lässt: Beide Parteien kennen sich bereits und bezeichnen sich vor Dritten auch als Parteien, sie befinden sich nämlich in einem Rechtsstreit. Dabei ist die beklagte Partei eine saturierte C4-Professur, die wohlhabend in Bayern mit 15-monatigem Wehrdienst aufgewachsen ist, sich über den Mangel an Elite an deutschen Universitäten beschwert und eigentlich lieber nur forschen will, aber hin und wieder um die Lehre nicht umhin kommt. In einer dieser Lehrveranstaltungen, die die beklagte Partei grundsätzlich jedes Semester auf Montag 7:30 Uhr legt, damit möglichst niemand kommt, ist ihr der Kläger begegnet: Ein friesisches Arbeitslosenkind, dessen Eltern sich zeitlebens gegen den Niedergang der Kommunen stark gemacht und das Kind als Projekt erzogen haben. Er war auf einer Waldorfschule und hält Bildung für ein allgemeines Menschenrecht (keiner hält es für eine Menschenpflicht) und steht gerne mit den Vögeln auf, darum erschien ihm das Seminar am Montagmorgen auch als Glücksfall.

Er hat die Seminararbeit nicht bestanden, aber da von dieser die Zwischenprüfung abhängt, will er sich einklagen. Die Arbeit hat er bereits ungewöhnlich früh zum Ende der ersten Verlängerung vorgelegt, aber damit leider nicht den Geschmack seines Dozenten getroffen. Hier bricht nun eine Welt für den Kläger zusammen, der zeitlebens nie schlechter als mit einem neutralen Smiley bewertet wurde und nicht recht weiß, wie er mit „nicht bestanden“ umgehen soll.

Er klagt; sie begegnen sich in der Uni, es kommt zum Gruß: Der Kläger sagt „Gallo“. Er wollte eigentlich informell mit „Hallo“ grüßen, weil seine Gewohnheit ihm das auf die Zunge legt, ist aber währenddessen mit „Guten Tag“ in Konflikt geraten. Zu allem Überfluss ist er jetzt nicht nur auf den Dozenten sauer, sondern fühlt sich, als hätte er sich bei Feindkontakt in den Fuß geschossen. Der Professor nickt kurz und fühlt sich bestätigt. Der Student denkt über den Satz „die Würde des Menschen ist unveräußerlich“ nach. Wer das Spiel auf „Selbstmord“ spielen will, denkt sich diese Situation auf Klingonisch.

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Spürt man dem Wort „Grüßen“ historisch nach, findet man Bedeutungen wie „zum Sprechen bringen“, „herausfordern“, „anreden“. Die Umarmung ist da eine eher neue Entwicklung – und trotzdem nahezu obligatorisch auf dem Campus unter Studierenden. Wer sie abmildern will, wählt die Variante mit angedeuteten Küsschen – eine bei Frauen beliebtere Form, denn auch hier gilt: Nicht jede knuddelt das gleiche Geschlecht aus Neigung, viele tun es eher aus Pflicht. Bei Männerumarmungen klopfen sich die Begegnenden noch zwei bis drei Mal auf die Schulter, vermutlich, um sich einen Rest Männlichkeit zu erhalten.

In einer Sache aber bleiben die Grüßer und Grüßerinnen hinter dem Potential der Anrede: Ob nun das „Sie“, als es noch „Student“ hieß, oder das herzliche und Intimsphäre-ignorierende, haptische „Du“ der Studierenden: Beides ist eine Reaktion auf Erwartung und Erwartungserwartung. Wer in eine neue Umgebung kommt, versucht sich einzufügen und den Sitten und Gebräuchen zu entsprechen. Der Übergang vom Sie zum Du auf dem Campus war vielleicht eine Revolution, als es noch provokant war, mit der Norm zu brechen. Aber wer jetzt neu auf dem Campus ist, beobachtet, was üblich ist und passt sich an. Dabei taugt die Begrüßung zu so viel mehr als zum Versuch, eine Erwartung zu erfüllen. Sie kann die Herkunft zeigen, die Laune, die Haltung, das Ansinnen andeuten und den Temperatur- und Temperamentsunterschied zwischen zwei Menschen erahnen lassen. Wenn man sich denn traut, so zu grüßen, wie man es für richtig hält, nicht, wie es der andere vermutlich für richtig hält.

Wer sich „normal“ begrüßt, gibt dem anderen eher die Hand als die Brust und zeigt damit, dass er nichts im Schilde führt. Wie auch das Umarmen ursprünglich ein Abtasten auf Waffen war, reichte man sich die Hand aus demselben Grund. Ein normaler Grüßer ist ein Pragmatiker, der sich mit „Hallo“ und „Guten Tag“ begnügt, vom anderen das Gleiche erhofft und es damit gut sein lässt.

Das ist der Kern des richtigen Grüßens: Die knappe Veräußerung der inneren Haltung, damit ein Gegenüber weiß, wen es zu erwarten hat. Und wenn das Grüßen erwachsen wird, dann nimmt es dabei Rücksicht auf die örtlichen Gepflogenheiten, ohne sich allzu sehr zu verbiegen. Das heißt, es gibt sich einen Rahmen, in dem es Spielraum hat.

Schiller sagt: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Und ein gelungener, spielerischer Gruß zeigt beiden Seiten: Ich weiß, die Unsicherheit des ersten Momentes ist für uns beide nie Routine, aber wenn wir nicht so tun, als wäre das einfach, haben wir schon zu Beginn einen ehrlichen Moment. Und auf diesen Stein können wir eine Freundschaft bauen.


1 Lesermeinung

  1. Titel eingeben
    Sehr schön geschrieben :)

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