Seventasticeminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Kenianisches Feldtagebuch (3): Unerwartete Heimatgefühle

Für ihren Masterabschluss im Fach Ethnologie muss unsere Autorin für vier Monate „ins Feld“. Hier berichtet sie über den Stand ihrer Forschung nach der ersten Halbzeit in Kenia – und einen neuen Blick auf die Heimat.

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© Katharina WilhelmDer Forschungsstandort Juja von oben

Jeden Mittag brennt die Sonne gnadenlos auf den staubigen Bolzplatz im kenianischen Juja nieder. Schatten gibt es keinen, doch das stört niemanden. Im Gegenteil, viele Mitglieder der Fußballmannschaft des , das Gegenstand meiner Feldforschung für meinen Masterabschluss in Ethnologie ist, spielen sogar in langärmligen Trikots und scheinen die Hitze gar nicht zu spüren. Sie sind jeden Tag aufs Neue mit Begeisterung dabei und zeigen auch noch beim zehnten Übungsspiel der Woche ungezähmten Eifer, ebenso wie die Trainer, die ihnen vom Spielfeldrand Anweisungen zurufen oder sie zur Eile antreiben.

Auch ich stehe nach wie vor beinahe jeden Tag auf dem Fußballplatz und bin wegen der Hitze froh, dass sich die ethnologische Königsdisziplin der teilnehmenden Beobachtung hier oft nur auf die Beobachtung beschränkt. Kritzelte ich in der ersten, explorativen Phase meiner Feldforschung noch jedes kleine Detail eines solchen Trainings in meinen Notizblock, schreibe ich jetzt, nach knapp zwei Monaten „im Feld“, nur noch auf, was mir für meine Fragestellung relevant erscheint. Wie reagieren die Kinder bei Niederlagen, Foulspiel oder Verletzungen? Wie drückt sich der Teamgeist aus, den der deutsche Gründer des Projekts immer wieder beschwört? Über was unterhalten sich die Kinder in den Trinkpausen, vor und nach dem Training? Was ist ihnen wichtig?

© Katharina WilhelmNicht immer nur Fußball: Workshop zum Thema Projektziele und Vorsätze zu Beginn des neuen Jahres

An manchen Tagen steht mittlerweile kaum ein Satz in meinem Notizbuch, aber ich mir dafür auf dem Platz die Beine in den Bauch. Dass mein Leben einmal eine derart fußballerische Wendung nimmt, hätte ich mir noch vor ein paar Monaten nicht träumen lassen. Freilich wusste ich bei der Wahl des Themas, dass meine Feldforschung zu einem großen Teil auf einem Sportplatz stattfinden würde, doch die flammende Begeisterung der Kenianer für Fußball habe ich unterschätzt. Nicht nur das NGUVU-Edu-Sport-Team selbst spielt jeden Tag mit einem Enthusiasmus, als ginge es um die Auswahl für die kenianische Nationalmannschaft, auch andere Kinder, Jugendliche und Erwachsene finden sich jeden Nachmittag auf dem Bolzplatz ein, um dem Nachwuchs beim Training zuzugucken. Damit nicht genug – die Kinder kennen jeden Spieler, alle Mannschaften, Trainer, Tabellenstände und Ergebnisse von Premier League und Bundesliga. Habe ich letztere zuhause nur sporadisch verfolgt, werde ich hier zum echten Experten – Unkenntnis in irgendeiner Richtung lassen mir die Jungs nicht durchgehen, und ich bin selbstverständlich bemüht, mir die Informationen anzueignen, die es braucht, um mir den steten Zugang zu meinen Informanten zu sichern. Dafür setze ich mich samstagabends auch durchaus als einzige Weiße in eine Wellblechhütte, in der sich nichts befindet außer ein paar Bänken und einem Fernseher, auf dem man für umgerechnet dreißig Cent ausgewählte Premier-League-Spiele verfolgen kann. Wo junge Menschen zuhause in Deutschland jedes Wochenende von Club zu Club ziehen, ist diese Art des Public Viewing in Juja das größte soziale Event.

Unerwartete Heimatgefühle

Die Konzentration meiner Forschung hat sich mittlerweile von der stetigen, allumfassenden Beobachtung hin zu themenfokussierten Gesprächen und Interviews verschoben. Somit nimmt nun neben Sporttreiben, ausdauerndes Reden und Fragen zunehmend Platz in meinem Tagesplan ein. Ich habe Interviews mit allen Kindern der NGUVU-Edu-Sport-Mannschaft geführt und mehrere längere, sogenannte Expertengespräche mit den Trainern. Nun, in der zweiten Hälfte meiner Forschung, werde ich die Familien der Mannschaftsmitglieder aufsuchen, um ihr Lebensumfeld kennenzulernen und auch um die Eltern zur Entwicklung ihres Kindes im Sportprojekt zu befragen. Darüber hinaus werde ich mit so vielen Akteuren wie möglich in Juja sprechen, die das Projekt kennen oder etwas damit zu tun haben: Nonnen aus dem örtlichen Waisenhaus, dem Bürgermeister, der Besitzerin der kleinen Hütte, in der die Mannschaft einmal die Woche zu Mittag isst, der Obstverkäuferin, wichtigen Figuren aus der südsudanesischen Gemeinde im Ort, einzelnen Mitgliedern aus Jujas Senior-Mannschaft, die auf dem gleichen Bolzplatz trainiert, oder einfach anderen Zuschauern, die mir auf dem Fußballfeld oder anderswo auffallen und begegnen. Am Ende meiner Forschung werde ich so beinahe der halben Stadt zu Leibe gerückt sein und hoffe, dadurch dann ein umfassendes Bild von Position und Status des Projekts am Standort wiedergeben zu können.

© Katharina WilhelmBei der NGUVU-Edu-Sport-Weihnachtsfeier

Nicht zuletzt durch diese Gespräche und Interviews werde ich immer mehr in das Ortsgeschehen involviert. Alle Kinder scheinen meinen Namen zu kennen, auch solche, die ich noch nie gesehen habe. Mein Kiswahili wird besser und funktioniert zunehmend als Türöffner, der mich den Menschen näher bringt. Zu Mannschaft und Trainern habe ich mittlerweile ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut, und auch Außenstehende wundern sich nicht mehr über meine Präsenz im Team und auf dem Platz. Fast muss ich sagen: Wenn mich morgens um sechs Uhr die ersten Sonnenstrahlen und der Hahn der Nachbarn wecken, ich mich aus meinem Moskitonetz wickele und starken kenianischen Kaffee aufbrühe, bevor ich mich auf den Weg auf den Platz oder zu meinen Interviewpartnern mache, dann überkommen mich mittlerweile beinahe so etwas wie Heimatgefühle.

Auch dafür haben Ethnologen einen Begriff: „Going native“. Wenn man eine gewisse Zeit an einem Ort geforscht hat, in die Leben der Menschen dort eingetaucht ist und sich am lokalen Geschehen beteiligt, baut man als empathischer Forscher automatisch Freundschaften auf, spannt auf den neuesten Klatsch und Tratsch, nimmt an Feierlichkeiten teil – kurz: Man wird selbst ein wenig zum Einheimischen. Für eine gelungene Forschung ist diese Transformation wichtig und nötig, sollte allerdings niemals zu weit gehen. Es gibt unter Ethnologen viele allseits bekannte Geschichten von Forschern, die wirklich glaubten, vollends zum „Native“ geworden zu sein und somit sämtliche Objektivität, Distanz und damit auch am Ende ihre wissenschaftliche Glaubwürdigkeit verloren haben. Bei aller Sympathie zu Ort und Informanten dürfen wir niemals vergessen, dass wir nur Zaungäste im Leben der Einheimischen sind, die selbiges nach einiger Zeit wieder verlassen werden.

Anpassungsprobleme während der Feldpause

Mein Forschungsstandort macht es mir auch in dieser Hinsicht leicht. Sobald ich meine Haustür morgens verlasse, fällt mir sehr schnell wieder ein, dass ich hier nicht „native“ bin. Denn abgesehen von zwei anderen deutschen Studenten und dem deutschen Projektleiter bin ich die einzige Weiße in Juja. Die, die meinen Namen nicht kennen, rufen mir „Mzungu“ hinterher, die ostafrikanische Sammelbezeichnung aller Weißen. Auf dem Weg durch Juja werde ich darüber hinaus nach wie vor von den meisten Leuten beäugt. Alles, was ich tue, wird beobachtet – und im Ort freudig diskutiert, wie ich immer wieder mitbekomme. Auch wenn ich es schon mehrmals erklärt habe, verstehen die meisten immer noch nicht, was genau ich eigentlich hier mache und halten mich wahlweise für eine neue Mitarbeiterin des Projektleiters, dessen Frau oder Schwester, deren Hauptaufgabe es ist, irgendwelche Dinge zu dokumentieren und mit den Leuten zu reden. Zu Beginn war ich öfter von dieser ständigen Beobachtung irritiert und genervt, mittlerweile nehme ich sie gelassen hin, erkläre geduldig immer wieder meine Aufgabe, winke allen, grüße und lächle.

© Katharina WilhelmGroßer Ernst auf dem Sportplatz

Weihnachten habe ich in Deutschland verbracht. Eine sogenannte Feldpause wird uns ohnehin ans Herz gelegt, auch wenn sie bei einem viermonatigen Aufenthalt keine Pflicht ist. Der zu erwartende „Schock“ bei meiner temporären Heimkehr war für mich weniger klimatischer oder kultureller Art, sondern hing vielmehr damit zusammen, wie sehr mir gerade an Weihnachten die Probleme unserer Gesellschaft im Vergleich zur kenianischen vor Augen geführt wurden. Vor einigen Tagen war ich noch zutiefst betroffen und traurig, dass ein südsudanesisches Flüchtlingskind aus der Projektmannschaft in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ohne Vorankündigung abgeholt und wieder zurück nach Kakuma gebracht wurde, einem Flüchtlingscamp nahe der südsudanesischen Grenze, in dem katastrophale Zustände herrschen. Die Person, bei dem der Junge in Juja untergebracht war, konnte finanziell nicht mehr für ihn aufkommen. Ereignisse wie dieses passieren in Kenia beinahe täglich: Menschen verschwinden, Kinder haben tagelang nichts zu essen, kein Dach mehr über dem Kopf und keine Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Und dabei ist die Region in Zentralkenia bei weitem nicht die ärmste des Landes. Sich dann über die Feiertage wieder damit zu beschäftigen, wer welche Parfümmarke bevorzugt, ob die Verpackung auch hübsch genug ist oder ob an Heiligabend zum Nachtisch lieber Tiramisu oder Mousse au Chocolat serviert werden soll, war hart für mich.

Ich freute mich, der existenziellen Probleme zum Trotz, die mir an meinem Forschungsort täglich begegnen, richtiggehend auf meine Rückkehr. Denn auch wenn mir hier der meiste Komfort der Heimat fehlt, meine Ernährung hier wenig Abwechslung von Reis, Bohnen, Mangos, Avocados und Bananen bietet, auch wenn die einzige Abendunterhaltung darin besteht, zu lesen, Feldreporte zu schreiben oder sich Fußball in einer Hütte anzusehen, und auch wenn ich wahrscheinlich in acht weiteren Wochen immer noch mit „Mzungu“ gerufen werde, fühle ich mich in meinem Feld und in der Mannschaft angekommen und bin bereit für die zweite Halbzeit.

Hier geht es zu den früheren Folgen des Kenianischen Feldtagebuchs

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