Seventasticeminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Ich denke, also bin ich – sozusagen

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In den Seminaren wuchert der Füllwortschatz – ein Ring aus Narrengold, der ins Feuer geworfen gehört? Im Gegenteil. Akademische Diskussionen wären ohne ihn nicht denkbar. Ein Plädoyer für die kleinen Helfer.

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© dpaStudierende in überfülltem Seminar

Von Greifswald bis Freiburg sagen Studenten gerade besonders gerne „sozusagen“ und die Dozenten sind oft genauso schlimm. Daran stören sich nun manche Sprachliebhaber und bestimmt hat sich auch schon Aristoteles darüber geärgert, als er über die Jugend schimpfte. Aber wenn wir unsere „sozusagen“s nicht hätten, würde unsere Rede veröden. In der Gesellschaft des gesprochenen Wortes bilden die Füllwörter die unterste Kaste, dabei sind sie das Öl im Getriebe. Die Maschine würde ohne sie nicht laufen.

Es gibt natürlich schmerzhafte Auswölbungen wie: Ich denke, dass halt „sozusagen“ quasi auch von vornherein echt einigermaßen … Dieses Beispiel enthält nur noch Öl und nichts mehr, das es schmiert. Normalerweise wird aber nicht derart gelallt, sondern eher gezielt gepolstert.

Füllwörter erfüllen nämlich … im Wesentlichen … zwei Funktionen, wie dieser Satz bis zum Komma zeigt: Sie drücken Denkpausen aus und schützen uns vor Festlegungen. Und wenn man das so sagt, lässt man den wattigen Sprachhelferchen die Freiheit, im Unwesentlichen auch noch mehr zu tun, will aber jetzt erst einmal auf diese beiden Funktionen hinaus. Ein böswilliger Spitzfindiger könnte einen nämlich jetzt schon unterbrechen, wenn man „im Wesentlichen“ nicht gesagt hätte, und meinen, dass man das so nicht sagen könne. Kann man aber eben doch.

Für die Funktion als Denkpausenüberbrücker muss man nicht Kleists allmähliches Verfertigen der Gedanken beim Reden bemühen, es geht auch mit dem britischen Schriftsteller Edward Forster: „Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?“ Wer erst den Mund aufmacht, wenn seine Gedanken so geordnet herausmarschieren, dass man sie drucken könnte, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit den passenden Zeitpunkt zu sprechen verpasst. ‚Zeitnah‘ ist in einer Diskussion wichtiger als ‚formschön‘. Wenn ein sinniger Gedanke klopft, dann sei ihm aufgetan. Wer von ihm verlangt, sich erst die Füße zu waschen, sortiert wahrscheinlich auch Bücher nach Größe.

Dem Hörer dienen

Denkpausen zu füllen ist aber nicht einmal die entscheidende Qualität von Füllwörtern. An der Uni dienen sie dazu, dabei zu helfen, sich nicht festlegen zu müssen. Meistens, weil man es eben nicht genau weiß, oder weil man sich nicht angreifbar machen will. Klassischerweise, wenn man sich im Seminar zu einem Thema äußern muss, zu dem man die Texte nicht oder nicht ganz gelesen hat. Dann ist eben Max Frisch sozusagen eher der Erzähler und Dürrenmatt sozusagen tendenziell der Dramatiker von den beiden. Das ist eben relativ. Irgendwie muss man die beiden Schweizer ja unterscheiden.

Ein dritter Punkt ist die Schonung. Gute Manieren wären ohne Füllwörter kaum möglich. Wenn jemand „eher praktisch begabt“ ist, hilft uns das „eher“ dabei, ihm nicht die theoretische Begabung völlig abzusprechen, das wäre auch dreist und vermessen.

Dieser Punkt ist übrigens auch recht wesentlich. Aber hätte dieser Text vor diesem Absatz aufhören sollen – nur weil einem weiter oben erst zwei wesentliche Dinge eingefallen sind und beim Verfassen des Textes dann ein dritter kam? Man könnte den Text jetzt auch umschreiben, aber warum nicht einmal zugeben, dass einem nicht alles sofort einfällt.

Ein Gedanke, der mit „sozusagen“ daherkommt, ist noch frisch. Einer, der sich schon mehrfach rasieren musste, bevor er den Weg aus dem Suppenschacht antritt, versteckt hinter der Rasur seine grauen Haare. Dazu kommt, dass Füllwörter auch dem Hörer dienen, denn der kann an ihnen üben, sie mit Würde zu ertragen und bekommt darüber hinaus die Legitimation, selbst zu füllworten. Ob deswegen die Bielefelder Soziologische Fakultät ein studentisches Magazin hat, das „SOZusagen“ heißt?


7 Lesermeinungen

  1. "eher"
    Das Wort „eher“ in dem von ihnen genannten Beispiel „eher praktisch begabt“ klingt in meinen Ohren nach einer Verlegenheitsfloskel um nicht genauer werden zu müssen. Wenn ich einfach nur sage „ist praktisch begabt“ lasse ich alles weitere offen und niemand muss sich gekränkt fühlen.
    Was den Gebrauch von Füllwörtern angeht, wäre es mir viel zu anstrengend, ganz darauf zu verzichten. Vielleicht sollte man es als ein unerreichbares Ideal ansehen um diese Wörter nicht
    Inflationär zu gebrauchen. Denn häufig werden sie dazu verwendet um den eigenen Wortbeitrag mehr Gewicht zu verleihen, weil man weiß, dass er wenig Substanz enthält.

  2. Sozusagen
    Vor Festlegungen kann man sich auch präziser schützen, nämlich z.B. mit „einige x sind y“, „man kann x“ oder „man sollte x“. Dann wird nämlich auch deutlich, wofür Begründungsbedarf besteht („einige x sind y, na und?“, „warum sollte man x, was bringt einem das?“).
    Beim Reden kann man ja ein paar Augen zudrücken, aber beim (wissenschaftlichen) Schreiben sollte einem doch daran liegen, verstanden zu werden. Und leider wird – so erlebe ich es an der Hochschule ständig – die Redesprache meistens als Schriftsprache übernommen.

  3. Schwafeleien gehören nicht an die Uni
    Füllwörter, wie Sozusagen oder „man sagt“, „wie allgemein bekannt“ dienen dazu, sich nicht festzulegen und die „Verantwortung“ für die Aussagen bei irgendwelchen, nicht belegbaren Quellen zu verstecken. Diese Schwafeleien sind schlicht und ergreifend Informationsmüll, der dazu dient die Erbärmlichkeit der eigenen Leistung zu verschleiern. Hinzu kommt das Problem, damit „alternative Fakten“ in die Welt gesetzt zu haben, deren Eigentümerschaft man selbst nicht übernehmen wll. iWer sich keine Stellungnahme zu Frisch und Dürrenmatt leisten will, der sollte sie sich einfach sparen. Das ist auch ein Unterschied zwischen hochkarätigen Wissenschaftlern und mäßigen Studenten. Erstere trauen sich auch, mit Wissenslücken offen umzugehen.

  4. Praktisch sowieso genau
    Man kann es auch als eine Art „Meise“ sehen, wenn jemand von einem Füllwort quasi (sic!) abhängig ist. Das Lieblingsfüllwort meines Bruders war jahrelang „praktisch“ in enorm hoher Frequenz, alles war praktisch irgendwie so. Auch ein Nicht-Festlegungsfrüllwort, nichts war einfach so, sondern eben nur praktisch so. Eine Führungskraft in meiner Firma kann bis zu 50mal die Stunde „genau“ sagen: Nach jedem eigenen (Ab)Satz, nach jedem Diskussionsbeitrag anderer, als Pausenwort zur Überbrückung, als Einstieg in einen neuen Gedanken. Mich hat es immer wahnsinnig gemacht.

  5. "Eher" ist kein Füllwort
    „Eher“ beschreibt ein Verhältnis, das hat der Autor ja auch richtig ausgeführt. Die durch „Sozusagen“ zu sagen gewonnene Zeit kann zum Denken benutzt werden, da steht aber kein Automatismus dahinter. Im Ergebnis gewinnen weder gesprochene noch aufgeschriebene Texte von einer Durchsetzung mit echten Füllwörtern. Es gab Zeiten, da wurde ganz auf sie verzichtet, wer es nachlesen mag, der öffne Grimms Märchen an einer beliebigen Stelle.

  6. Specht
    Gelungener Artikel!

  7. Wollnmalsosagen
    Schön dass die völlig überflüssigen „öhhh“s garnicht erst erwähnt wurden. Grauslich ist auch „dementsprechend“, womit eine (mitunter auch vorgetäuschte) Beweisführung durch möglichst häufige Verwendung als völlig logisch dargestellt werden soll. – Während eines Probevortrags hab ich dem Redner mal eine Metaplankarte mit seinem durchgestrichenen Lieblingswort gereicht. Erst unverständliches Gucken, 20 Sekunden später wollte er es wieder einfügen: Seitdem war es für immer weg…

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