Seventasticeminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Eine Universität in den Mühlen der ungarischen Politik

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Noch immer ist offen, ob die von George Soros gegründete Central European University (CEU) eine Zukunft hat. Längst ist sie zum Spielball der politischen Auseinandersetzung geworden. Ein Besuch in Budapest.

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© picture-allianceStudenten demonstrieren gegen das Hochschulgesetz der ungarischen Regierung vor der Central European University in Budapest

An Tagen der offenen Tür zeigen sich Universitäten von ihrer Schokoladenseite. Selbst betonaffine Nachkriegs-Campusse glänzen wie nach dem ersten Frühjahrsputz, Klagen und Nöte scheinen für einen Tag wie vergessen. Gäste werden fürstlich empfangen und mit prall gefüllten Jutebeuteln versorgt. Das Mensaessen schmeckt meist auffällig gut.

Im Auditorium der privaten Central European University (CEU) ist es am Vormittag des diesjährigen „Open House“-Tags mollig warm. Das nur einen Steinwurf von Stephansdom und Donauufer entfernt gelegene Hauptgebäude im Herzen Budapests ist erkennbar erst 26 Jahre alt. Die Holzvertäfelung ist schmuck, die Atmosphäre lädt ein zum Lesen und Verweilen. Im Publikum haben rund einhundert Interessenten Platz genommen, zuhause vor Laptop und Livestream wohl noch viele mehr. Im Anschluss an die Frage-und-Antwort-Runde laden Dozenten zu Probeseminaren.

Dass ein Studium an der CEU wirklich lohnt, betonen die Studenten auf der Bühne, 16 an der Zahl, unisono. „Es ist so sauber hier in Budapest!“, schwärmt eine indische Studentin. Ihre Sitznachbarin ergänzt, sich hier, anders als in ihrer kanadischen Heimat, auch nach Mitternacht alleine nach Hause zu trauen. Die CEU ist für Boris aus Montenegro ein „freier, offener Ort für Ideen“. Events gebe es massenhaft, dazu einen Filmclub, einen Wanderverein und Menschenrechtsgruppen.

Eine gebürtige Pakistanerin hält die Balance aus Studienangebot und Freizeitaktivitäten für einzigartig, Irena aus der Ukraine preist die Stadt für ihre zuverlässige Stromversorgung und die Universität für ihre „Diversity“. Großartig sei die Bibliothek, die rund 1.400 Studenten zählende „CEU-Community“ ohnehin – die meisten stammen aus Ungarn, den Vereinigten Staaten, Russland und der Türkei. Nur der Prokrastination zugeneigte Bewerber sollten es sich noch einmal überlegen, warnt Boris. Dem Zuschauer wird mehr als deutlich: Mit CEU-Abschluss winkt eine große Karriere, wenn man sich ordentlich reinhängt.

Keine Vorgaben

Bloß um die Frage, wie es um die Zukunft ihrer Universität steht, machen die studentischen Vertreter an diesem Vormittag zunächst einen großen Bogen. Dabei lässt die Gesetzesnovelle vom April dieses Jahres die CEU weiter um ihre Zulassung bangen. An den Verhandlungen zwischen der ungarischen Regierung und dem amerikanischen Bundesstaat New York, in dem die CEU zwar akkreditiert ist, aber in der Vergangenheit keinen Campus unterhielt – was rein formal des Pudels Kern in der Angelegenheit ist – war sie nicht beteiligt, eine Entscheidung brachten diese nicht. So lange das ungarische Ministerium kein grünes Licht erteilt, bleibt unklar, ob und wie es von 2019 an weitergeht.

Hauptgebäude der Central European University in Budapest

Dann spricht Laura, die sich eingangs als deutsche PhD-Studentin in Cognitive Science vorgestellt hatte, von „Attacken“ auf die CEU. Kommilitonen und Publikum greifen das Thema beherzt auf. Nun kommt doch zur Sprache, was alle im Saal ohnehin umtreibt. Zwar gebe es keinen offenen Hass gegenüber CEU-Studenten, sagt eine Studentin – wohl aber Anfeindungen in der Öffentlichkeit, ergänzt der in Ungarn aufgewachsene Zsólt. Doch überwältigend sei der Zusammenhalt der „Community“.

Als wir uns kurz darauf mit Laura zum Gespräch treffen, verneint sie unsere Frage nach Vorgaben der Universitätsleitung für die Podiumsrunde. Die CEU, wie sie selbst auch, stünden für einen „Liberalismus im besten Sinne“, dafür, dass eine Universität nur dann ihrer Aufgabe gerecht wird, wenn es den freien Austausch von Ideen, Wissen, Forschern und Studenten aus aller Welt gibt.

Ein gezielter Angriff?

„Die CEU ist ein Ort, wo die Leute kontrovers diskutieren“, sagt sie und berichtet, dass erst kürzlich der bekennende Abtreibungsgegner und der Homophobie bezichtigte Roger Scruton einen Vortrag im Auditorium gehalten habe. Einige Kommilitonen hätten aus Protest demonstrativ den Raum verlassen, nachdem das Rektorat an seiner Einladung festhielt. Der Rest habe das Gespräch gesucht.

Laura selbst kam nach Bachelor und Master in Berlin vor einem Jahr nach Budapest, lebt hier mit ihrer ungarischen Partnerin zusammen und untersucht als Doktorandin die sozialkognitive Entwicklung von Babys. Die CEU, die ihr, wie 85 Prozent aller anderen Studenten, dank Stipendium die Gebühren erlässt, bezeichnet sie dank ihres exzellenten Renommees als „Tor in die Forschung“.

Doch die wacklige Existenz ihrer Wunschuni und die großangelegte Regierungskampagne gegen George Soros, Gründer und Mäzen der CEU, lässt sie nicht unberührt. Unbehagen bereitet ihr auch, dass eine indische Freundin im Supermarkt von der Kassiererin beleidigt worden sei, Kommilitonen mit Protestanstecker habe man in einer Kneipe verkloppt. Vorfälle wie diese hätten sie mehr als einmal zu Demonstrationen auf die Straße getrieben, teilweise seien bis zu 70.000 Menschen gekommen. Zusammen mit Kommilitonen, Vertretern der zersplitterten linken Opposition und der neugegründeten Jugendpartei „Momentum“ forderte sie die Rücknahme der Hochschulnovelle, die sie als gezielten Angriff auf die CEU betrachtet.

Banner an der CEU

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Auf Seiten der konservativen ungarischen Regierung übt man sich derweil in betonter Abgeklärtheit. Mit Blick auf die Parlamentswahlen im Frühjahr hat die Causa CEU der Partei von Premier Viktor Orbán wohl eher genützt als geschadet, sagen Beobachter. Das gilt auch für die Verunglimpfung des ungarischen Helsinki-Komitees und anderer mit dem Investor Soros in Verbindung gebrachter Organisationen als „agenten- und mafiaartiges Netzwerk“ (O-Ton Orbán).

Laut Regierung geht es mit dem Hochschulgesetz hingegen bloß um die Gewährleistung gleicher Studienbedingungen an allen ungarischen Hochschulen. Dass die CEU amerikanische Diplome vergibt und ein knappes Drittel der Absolventen sogar einen amerikanisch-ungarischen Doppelabschluss erwirbt, Kurse und Veranstaltungen in den Vereinigten Staaten aber gar nicht stattfinden, sei ein unfaires Privileg. Im Gespräch erklärt Bildungsstaatssekretär László Palkovics, dass die Stoßrichtung der Gesetzesnovelle deshalb „im Interesse aller ungarischen Studenten“ sei und ergänzt: „Für uns ist wichtig, dass eine im Ausland akkreditierte Universität wie die CEU auch tatsächlich Ausbildungsaktivitäten im Ausland führt“. Über Lehrinhalte zu richten sei dagegen nicht Aufgabe der Regierung, auch wenn man bei Fächern wie Gender Studies sicher geteilter Meinung sein könne.

Vor allem aber ist ihm wichtig zu betonen, dass die im April dieses Jahres verabschiedete Gesetzesnovelle keine „Lex-CEU“ gewesen sei, sondern das Ergebnis einer fristgerechten Überprüfung aller ausländischen Universitäten in Ungarn, wie sie ein 2011 verabschiedetes Gesetz vorgesehen habe. Derer habe es damals insgesamt 28, fünf Jahre später noch 22 gegeben, so Palkovics. Reine Formsache also?

Ein Verhandlungsergebnis ist nicht bekannt

Michael Ignatieff, ehemaliger Chef der liberalen Partei in Kanada und seit 2016 amtierender CEU-Rektor, ist erbost, als wir ihn mit diesen Aussagen konfrontieren. Ihn ärgert, dass es bis heute trotz mehrfacher Versuche seinerseits keinerlei direkte Gespräche zwischen Regierung und Universität gegeben habe. Zudem habe er erst Ende März, wenige Tage vor der Parlamentsabstimmung, von dem Gesetzesvorhaben erfahren. Warum in aller Welt, so ein aufgebrachter Ignatieff, stelle der fehlende Heimatcampus jetzt, nach 26 Jahren, plötzlich ein Problem dar, obwohl die Struktur mit allen Steuervorschriften in Einklang stehe?

© Picture-AllianceMichael Ignatieff, Rektor der CEU

Die ganze Angelegenheit sei ermüdend und verunsichernd, eine längerfristige Planung derzeit unmöglich. Man liebe Ungarn und die Atmosphäre in Budapest, freue sich über die Unterstützung von den anderen großen ungarischen Universitäten, außerdem erfülle die CEU doch nun schon seit September die geforderten Lehraktivitäten im Heimatland, so Ignatieff. Die Kooperation mit dem Bard College sei sowohl vom amerikanischen Bundesstaat New York als auch von der dort zuständigen Hochschulkommission anerkannt worden.

Nach Abschluss der Verhandlungen zwischen der ungarischen Regierung und dem amerikanischen Bundesstaat ist indes einzig klar, dass die Lage unklar bleibt. Ein Verhandlungsergebnis ist nicht bekannt, die Mahnung aus Brüssel und Berlin, den Fortbestand der CEU zu gewährleisten, verpuffte ebenso wie der Tadel der Venedig-Kommission, dem Expertengremium des Europarats. Wird das in der vergangenen Woche eingeleitete Vertragsverletzungsverfahren etwas bewirken? Man wird sehen. Nach dem Parlamentsbeschluss von Ende Oktober jedenfalls kann sich die Regierung bis zu ein Jahr Zeit lassen, die Kooperation zwischen CEU und Bard College gesetzeskonform zu heißen – oder die Aufnahme neuer Studenten von 2019 an zu verweigern.

Die Frage, warum man in einem ähnlich gelagerten Fall (McDaniel College Budapest) eine so viel schnellere Einigung erzielt habe, lässt Staatssekretär Palkovics unkommentiert. Das gilt auch für die Nachfrage, warum man die CEU nicht über das Gesetzesvorhaben informiert habe und auf ein Gesprächsangebot nicht eingegangen sei.

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Längst ist die CEU im laufenden Wahlkampf zum Spielball der politischen Auseinandersetzung geworden. Wobei ihr diese Rolle, seit der seiner ungarischen Heimat verbundene Soros die Privatuniversität 1991 aus der Taufe hob – noch immer bringt eine Stiftung mit zwei Dritteln den Löwenanteil der CEU-Einnahmen auf -, nicht ganz fremd ist. Sie sollte damals als Bollwerk gegen den Nationalismus in den postkommunistischen Ländern dienen und im Geiste des Philosophen Karl Popper konsequent für Offenheit und Demokratie stehen. Vorbild sei damals die mittelalterliche Universität von Bologna gewesen, erklärt uns der an der CEU lehrende Historiker und Direktor des angeschlossenen Open Society Archives, István Rév.

© picture-allianceGeorge Soros, 2013, bei einem Vortrag an der von ihm finanzierten CEU

Studenten aus aller Welt sollten hier zusammenkommen – auch von Flecken, an denen gerade Krieg herrschte, Englisch war die proklamierte Lingua franca. Mit Soros saß der heutige Premier Orbán damals noch gemeinsam zu Tisch, der Investor hielt einst große Stücke auf ihn. Heute untergräbt Orbán aus Sicht von Soros wegen seiner Migrationspolitik die europäischen Werte. Dieser wiederum bezeichnet Soros wegen seiner potenten Open-Society-Stiftung als „Hintergrundmacht“.

Ein erster Schritt

Rektor Ignatieff wehrt sich vehement gegen die Einordnung der CEU als „Soros-Universität“. Nicht Soros, sondern einzig dem Aufsichtsrat sei er Rechenschaft schuldig. Und überhaupt: „Wir sind keine politische Organisation, wir wollen nicht politisch mitmischen“, stellt er klar. Was geforscht und gelehrt werde, unterliege der akademischen Freiheit.

István Rév, der Viktor Orbáns politischen Stil einmal mit dem Ceausescus verglich, erzählt in unserem Gespräch dann noch fast beiläufig, dass kürzlich Fidesz-Mitbegründer Zsolt Németh zum Vortrag von Roger Scruton erschienen sei. Er sei der erste Regierungsvertreter seit langem gewesen, der einen Fuß in das Universitätsgebäude gesetzt habe. Ein erster Schritt macht noch keine Begegnung. Aber er könnte ein Anfang sein.


2 Lesermeinungen

  1. ......
    In dieser Causa bleibt für mich immer eine Kernfrage offen, warum gibt die CEU nicht einfach ihre Akkreditierung in NY auf und akkedditiert sich in Ungarn oder betreibt einen Campus in NY ?
    Das Konstrukt der CEU scheint mir sehr fragwürdig ohne das erklärt wird warum dem so ist.
    Warum muss die CEU ihre Zentrale quasi (zumindest auch) in den USA haben ?

    Ganz abgesehen davon könnte sich die CEU ja auch einfach von Soros trennen, denn das dieser Herr gerne politisch engagiert ist und dafür auch sein Geld einsetzt ist ein offenes Geheimnis.

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      Ganz offensichtlich will man die CEU als amerikanische Universität betreiben, was das ungarische Gesetz ja sogar zulässt, aber eben keine Briefkasten-Universität als „Mutteruniversität“.
      Was ich nachvollziehen kann, wenn es schon ein Ableger einer Universität sein soll, dann muss es eben auch eine Universität mit Campus geben.
      Andererseits müsste eine private ungarische Universität auch in der Eigentumsfrage ungarisch sein, was man aber ganz offensichtlich auch nicht will und vorallem auch ein Soros nicht will. Da seine Organisation aber Hauptsponsor ist gibt es halt keine einfache Lösung.

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