Seventasticeminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Das Erasmus-Paradies

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Wenn es Granada nicht schon gäbe, müsste man es für Erasmus-Studierende erfinden. Was aber erleben die hier – echte granadinische Momente oder eine besondere Form des Uni-Tourismus?

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© Stefanie RueßBlick auf die Alhambra vom Albaicín-Viertel aus

Die Sonne scheint von dem strahlend blauen Himmel herunter, ich sitze bei einer tarta de zanahoria und einem Tinto de Verano vor einem Café und blicke auf die Alhambra. Viele Touristen tummeln und schlängeln sich durch das typische Stadtviertel Albaicín, aber es scheinen mindestens genauso viele Studierende unterwegs zu sein. Ich befinde mich in Granada, jener spanischen Stadt, die zu den beliebtesten Erasmus-Zielen zählt. Was zieht Studierende aus ganz Europa (und der ganzen Welt) Jahr für Jahr hierher? Warum passt Erasmus so gut zu Granada?

Zunächst vereint Granada bekanntlich zwei Kulturen. Granada war die letzte maurische Festung auf der iberischen Halbinsel und dieses Erbe macht mit den Nasriden-Palästen in der Alhambra oder den Carmen-Gärten einen Teil des Reizes aus. Dem gegenüber steht die zunehmende Modernisierung und Internationalisierung der Stadt. Im neuen Zentrum findet man eine große Auswahl an Shoppingläden und Boutiquen. Granada bietet einzigartige Ausflugsmöglichkeiten. Der Mix aus Bergen und Meer ist perfekt, über der Stadt sieht man die Sierra Nevada und man braucht nur eine Stunde, um die andalusische Küste zu erreichen.

© Stefanie RueßVerzauberter Augenblick in der Alhambra

Auch wenn Granada bei vielen nicht von Beginn an auf der Nummer Eins der persönlichen Erasmus-Präferenzliste stehen mag, denn da sind ja auch noch die viel gerühmten Universitäten in England, Schweden oder Frankreich, rückt es doch in den verschiedenen Abwägungsprozessen Stück für Stück nach vorne. Je mehr Erasmus-Erfahrungsberichte man durchstöbert, desto mehr wird man von den Schilderungen einer lebhaften und verblüffenden Zeit in Granada eingenommen.

Viele frühere Erasmus-Studierende erzählen, dass sie in Granada einen intensiven Austausch der Kulturen erlebt hätten, was daran liegen mag, dass sich Granada seit Jahrhunderten in einem stetigen Lernprozess über kulturelle Vielfalt befindet. Eine einheimische Studierende mutmaßt, dass Erasmus-Studierende diesen Umgang wohl spürten und sich deswegen in der Stadt wie zuhause fühlen. Schrecken andere Städte wegen ihrer Größe und explodierender Lebenshaltungskosten eher ab, verstärken die kurzen Wege in Granada das Gefühl von Geborgenheit. Gleichzeitig aber bleiben unzählige Möglichkeiten, die Vielfalt der Stadt zu erleben.

© Stefanie RueßEin Gefühl von Freiheit Über den Gipfeln der Sierra Nevada

Eine britische Erasmus-Studentin erzählt, dass sie vor allem die Gelassenheit der granadinischen Menschen, die vor Unpünktlichkeit und ausgefallenen Universitätskursen nicht zurückschrecken, die späteren Essenszeiten und die langen Tapas-Crawls zu schätzen gelernt habe.

Granada hat einen dynamischen Wohnungsmarkt. Die Zimmersuche gestaltet sich recht einfach, mit dem Kampf in anderen europäischen Großstädten ist sie nicht zu vergleichen. Lohnend ist es, durch die Wohnungswahl in Kontakt zu Einheimischen zu kommen, deren Mentalität sich, so eine Münchner Studentin, durch griesgrämige Offenheit auszeichnet. Oft werden partywütige Erasmus-Studenten ja von Einheimischen als nervig empfunden, aber in Granada werden sie meist herzlich aufgenommen. Meine einheimische Mitbewohnerin zum Beispiel hat mir mal erzählt, dass sie gerne mit Studierenden aus aller Welt zusammenwohnt. Dadurch könne sie durch wenige Reisen viele neue Kulturen entdecken. Ob diese Mentalität spezifisch granadinisch ist oder auf die grundsätzliche Lebensfreude der SpanierInnen zurückzuführen ist, bleibt offen.

Alles ist ok, aber bitte nur nicht touristisch!

Dass die Universität Granada zu den besten in Spanien zählt, hat auch historische Gründe. Bereits vor knapp 500 Jahren wurde in Granada ein Kolleg für Logik, Philosophie, Theologie und Kirchenrecht errichtet und wenig später zur Universität erhoben. Das Studienangebot weitete sich stetig aus, heute gibt es auch zwei Campus auf dem nordafrikanischen Festland. Viele arabische Studierende kommen an die Universidad de Granada.

Bislang ist das Lehrangebot größtenteils spanischsprachig – was aber auch ein Entscheidungsgrund für Granada sein kann, da beispielsweise in Barcelona teilweise auf Katalanisch und in Santiago de Compostela teilweise auf Galicisch gelehrt wird.

An der Fakultät Ciencias Política y Administración gibt es inzwischen auch ein paar Kurse in englischer Sprache. Vielleicht wird auch Erasmus in Zukunft dazu beitragen, die Lehre in Granada sprachlich vielfältiger zu gestalten. Einzigartig bleibt das Umfeld: Gelernt wird zum Beispiel in der Bibliothek des Hospital Real, einem alten Krankenhaus, umfunktioniert zur Bibliothek.

© Alisa RiechmannLernort Carmen im Hospital Real

Wie aber steht es mit den von allen ersehnten magischen granadinischen Momenten – sind sie durchweg echt oder Erasmus-gefördert? Immerhin, so viel zeigt schon die Frage, besteht die Idee von Erasmus in Granada nicht in erster Linie aus Partymachen und Feiern. Eine  typische Aussage eines Erasmus-Studierenden: „Alles ist ok, aber bitte nur nicht touristisch!“

Da gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, auf den Sacromonte zu steigen, den Berg mit eigenem Stadtviertel oberhalb von Granada. Man läuft durch die verwinkelten Gassen des Albaicín, vorbei an süßen Plätzchen, umrahmt von geschmückten Häuschen mit Blumentöpfen, und muss am Schluss nur noch den letzten Anstieg hinter sich bringen. Dann eröffnet sich ein einzigartiger Blick über Granada, bei vino und jamón (Schinken) fiebert man auf einer Mauer sitzend dem Sonnenuntergang entgegen.

Die Atmosphäre hier oben ist auch deshalb so besonders, weil Erasmus-Studierende hier auf die unterschiedlichsten Personen treffen: andere Studierende, Pärchen, Freundesgruppen, Einheimische – ältere Leute oder die Nutzer der Wohnhöhlen, die einen ähnlichen Komfort wie ein Haus in Granada aufweisen. Oft bieten einem diese Menschen ein Plätzchen zum Sitzen an, spielen Gitarre oder singen volkstümliche Lieder. An diesem Platz wird die Magie vor allem durch den Austausch zwischen den verschiedenen Personengruppen geschaffen, man kann die Lebhaftigkeit des Austauschs deutlich spüren.

© Stefanie RueßSacromonte, ein magischer Ort

Eine Münchner Studentin hat eine neue Lieblingsaktivität in Granada entdeckt: „Das beste ist die dort ansässige Kultur, die sich vor allem in Form von abendlichen Tapas manifestiert, die kostenfrei zum sehr guten und sehr günstigen Wein gereicht werden.“ Fragt man andere Erasmus-Studierende, bekommt man oft die gleiche Antwort zu hören (jajajaja – das spanische hahahaha). Diese Tapas-Kultur ist freilich auch laut Reiseführer eine Besonderheit von Granada. Gestartet wird am Wochenende meist schon mittags mit dem ersten Bier (caña), zu jedem weiteren Getränk gibt es dann eine kostenfreie Tapa: Calamares, patatas bravas (Kartoffeln mit pikanter Soße), albóndigas (Fleischbällchen), olivas, queso manchego (würziger Käse) … Es gibt unzählige Gerichte und inzwischen mischen sich unter die typischen Bars auch immer mehr hippe. So zieht man von Bar zu Bar, trifft immer mehr Leute und irgendwann geht es dann in eine Tanzbar oder einen Club.

Der Erasmus-Schleier

© Stefanie RueßTinto de Verano und Tapas

Für Erasmus-Studierende wird das Leben in Granada aber auch durch die vielen Angebote ihres Stipendienprogramms bestimmt. Die drei großen Organisationen sind ESN Granada, bestlife experience und EMYCET. Durch deren Veranstaltungen bilden sich eigene Abläufe: montags steht Tapas-Essen auf dem Programm, dienstags Beerpong Turnier, mittwochs Literaturzirkel, donnerstags Flamenco-Kurs, freitags Party in dem einen und samstags Party in dem anderen Club. Das Tapas-Essen wird dabei in unterschiedliche Rahmen gezwängt. Zum einen gibt es Veranstaltungen, die typisch spanische Tapas anbieten, es gibt aber auch solche mit International Tapas, bei denen die einzelnen Nationen ihre Speisen als Tapas servieren.

Zauberhafter ist das Eintauchen in Tausendundeine Nacht. Man schlendert durch die engen, manchmal steilen Gassen des Albaicín und bestaunt den arabischen Bazar mit kleinen Straßenläden, marokkanischen Restaurants und Teterías (Teestuben). Hier spürt man vor allem das maurische Erbe. Nach einem stressigen Unitag kann man sich in dem berühmten Hammam-Bad entspannen, anschließend bieten sich ein arabischer Tee und Humus an. Hier treffen sich dann Touristen und Erasmus-Studierende. Aber auch, wenn das maurische Erbe hier geschickt touristisch nutzbar gemacht wurde, ist es dennoch ein typischer granadinischer Moment.

© Stefanie Rueß„Té“ und „dulces“

Der Erasmus-Schleier kann in Granada sehr leicht umgangen werden. Auf der anderen Seite scheint Erasmus Granada zu bereichern – durch andere Denkweisen und besondere Austauschmöglichkeiten. Granada ruht sich nicht aus auf seinem alten Kern, sondern entwickelt sich durch die vielen Internationalen zu einer modernen Stadt.

Als Erasmus-Studierender verlässt man die Stadt schweren Herzens. Granada ist zu einem Zuhause geworden. Für Erasmus ist es die perfekte Stadt.


4 Lesermeinungen

  1. Sehr guter Bericht
    Dieser Artikel beschreibt genau diese wunderbare Stadt die ich 2013 besuchen durfte.

  2. Lesenswert
    Interessanter Artikel, macht Lust auf Granada

  3. Schoener Bericht
    ….kann ich nur bestaetigen, bin allerdings schon 1990-1991 dort gewesen.

  4. Titel eingeben
    sehr schön

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