Reinheitsgebot

Reinheitsgebot

Das Blog zum Bier

„Jetzt bloß nicht das Pfand erhöhen“

| 7 Lesermeinungen

Einigen Brauereien gehen in diesem Sommer die Bierflaschen aus. Das Problem ist komplexer als gedacht. Wer ist schuld? 

***

© FiegeIn der Abfüllanlage der Bochumer Brauerei Fiege

 

Der Hilferuf der Familienbrauerei Fiege war ein voller Erfolg: „In unserer Abfüllung werden gerade die Flaschen knapp“, : „Bevor Ihr in den Sommerurlaub düst, bringt bitte noch schnell Euer Moritz-Fiege-Leergut zum Getränkehändler.“ In den sozialen Medien posten seither etliche Biertrinker stolz ihre Bilder, wie sie ihre Kisten zurück zum Händler bringen. „Mit so viel Resonanz haben wir nicht gerechnet“, sagt Brauerei-Chef Hugo Fiege im Gespräch mit der F.A.Z.

Tatsächlich sind Flaschen und Kisten in den vergangenen Wochen in der Branche knapp geworden. Zwar werden in jedem Sommer die Flaschen rarer, doch in diesem Jahr ist die Leergutknappheit laut dem Deutschen Brauerbund „ausgeprägter als in anderen Jahren“. Es sei daher „in der Tat wünschenswert, dass Verbraucher Leergut zeitnah in den Handel zurückbringen“.

© Fiege-Brauerei / Stefan Kuhn„Die Resonanz hat uns überrascht“: Hugo und Jürgen Fiege

Auch der Bundesverband des deutschen Getränkefachgroßhandels sieht die Versorgung als gefährdet an, wobei Verbandschef Günther Guder entwarnend hinzufügt: „Wir haben in Deutschland genug zu trinken“, aber es könne derzeit eben bei Einzelmarken zu Engpässen kommen, so dass Verbraucher manchmal ihre Lieblingsmarke im Getränkemarkt nicht bekommen. Auch manche Mineralwasserhersteller klagten über Leergutmangel, sagt Guder.

In diesem Sommer kämen mehrere Faktoren zusammen: vor allem das gute Wetter und die Fußball-Weltmeisterschaft haben den Bierkonsum angeheizt. Zudem mache sich der Fachkräftemangel bei den Speditionen bemerkbar. Es fehlten schlicht Fahrer, um das vorhandene Leergut immer schnell genug von den Händlern zur richtigen Brauerei zurückzubringen. Manche Brauereien geben derzeit volle Kisten nur noch gegen Anlieferung von Leergut heraus. Oft müssten Lastwagen lange warten, wenn sie Leergut zu den Brauereien bringen, bis ihnen der Lastwagen wieder mit vollen Kisten beladen wird, klagt Guder. Kürzlich habe er von dem Fall einer achtstündigen Wartezeit gehört, die Spedition hätte mit dem PKW extra einen neuen Lastwagen-Fahrer bringen müssen.

© VeltinsVeltins war Vorreiter bei der Einführung von Relief-Flaschen.

„Wir sollten die Schuld nicht beim Verbraucher suchen“, sagt Guder. Einige Probleme seien auch hausgemacht. Manche Brauereien hätten sich auch schlicht etwas verkalkuliert und zu wenig neue Flaschen nachbestellt. Zudem hat auch der Sortieraufwand in den vergangenen Jahren stark zugenommen, weil es immer mehr unterschiedliche Flaschenformen gibt. Etliche Großbrauereien haben ihre eigenen Individualflaschen herausgebracht, bei denen der Markenname als Relief in die Flasche eingeprägt wird. Veltins hat damit im Jahr 2003 begonnen, es folgten Radeberger, Bitburger, Hasseröder, Köstritzer und Carlsberg. Im vergangenen Jahr folgte dann auch noch Krombacher, Deutschlands meistverkaufte Biermarke. Die Transportwege für die Flaschen werden seither immer länger, weil die Individualflaschen stets in ihre eigene Brauerei zurück müssen. Laut Schätzungen sind mittlerweile mehr als 100 verschiedene Bierflaschen im Umlauf.

© dpaAuch Flaschensammler nehmen nicht alles: Manche lassen schwere Bierflaschen lieber liegen und suchen PET-Flaschen

Auch die Bochumer Brauerei Fiege, die den Facebook-Pfandaufruf gestartet hat, setzt auf eigene Flaschen. Im Ruhrgebiet sind sie die einzige Brauerei, die ihr in eigenen Bügelverschluss-Flaschen abfüllt. „Wir können uns nicht aus dem großen Flaschen-Pool bedienen“, sagt Brauerei-Chef Hugo Fiege. Das verschärft das Problem: Normalerweise füllt die Familienbrauerei am Tag rund 110.000 Flaschen ab, derzeit sind es wegen des guten Wetters rund 160.000 Flaschen. „Schon Anfang des Jahres haben wir neue Flaschen bestellt“ sagt Fiege, „jetzt haben wir nochmal 15000 Kisten mit insgesamt 300.000 Flaschen geordert“.

Billig ist das für die Brauerei nicht. Für eine neue Bügelverschluss-Flasche muss sie mehr als 30 Cent zahlen, das Pfand auf seinen Bügelflaschen liegt aber nur bei 15 Cent. „Wir sind deshalb sehr daran interessiert, dass unsere Flaschen auch alle zurückgebracht werden. Der Verbraucher macht sich darüber meist keine großen Gedanken.“

© BV GFGHGegen höheres Pfand: Verbandschef Günther Guder

Zwischen drei und vier Milliarden Bier-Mehrwegflaschen sind laut Branchenschätzungen im Umlauf. Die Höhe des Pfands hat sich zuletzt im Jahr 2002 verändert – seither werden für Kronkorken-Flaschen 8 Cent und für einen leeren Kasten nochmals 1,50 Euro berechnet. Manch einer hält das für zu wenig: Selbst Pfandsammler würden die schweren Bierflaschen meiden und lieber PET-Flaschen einsammeln, weil sie dafür deutlich mehr bekommen. „Jetzt bloß nicht das Pfand erhöhen“, warnt aber Verbandschef Günther Guder, „die Getränkehändler müssen das alles vorfinanzieren“. Große Händler hätten mehrere Millionen Flaschen im Umlauf, eine Pfanderhöhung würde sie einiges kosten.


7 Lesermeinungen

  1. Fiege und die Bügelverschlüsse
    „Im Ruhrgebiet sind sie die einzige Brauerei, die ihr Bier in eigenen Bügelverschluss-Flaschen abfüllt.“
    Und was ist mit Hövels?

    • Hövels Bügelflaschen
      Hövels Original wird zwar in Dortmund gebraut,es gibt aber in Dortmund keine Abfüllung für Bügelflaschen. Das Bier wird in Tanks zu Pott´s nach Oelde gebracht und dort in Lohnabfüllung auf 0,5l-Bügelflaschen gezogen.
      Ein kleinerer Teil wird neuerdings in 0,3l Vichyflaschen abgefüllt und mit Kronkorken verschlossen,das gilt sowohl für das Hövels Original,das Hop Pale Ale und das Hövels Craft Bock.
      Hövels Hausbrauerei am Hohen Wall poduziert das Hövels Original in kleinen Mengen für die angeschlossene Gastronomie,den Biergarten und das Restaurant. Dort gibt es keine Möglichkeit zur Abfüllung in Flaschen.
      Lediglich 2l-Siphons können zum Mitnehmen vor Ort erstanden werden.

    • Bügeflaschen im Ruhrgebiet
      Auch das Brauhaus Rütershoff in Castrop-Rauxel füllt in Bügelflaschen ab.
      Die kleine,feine Hausbrauerei füllt einige Produkte in 1l-Maurerflaschen.die man im Brauhaus „to go“ oder im umliegenden Handel (lokal) erstehen kann.

  2. Das Problem liegt tiefer!
    Warum,so fragt man sich doch,muß es 100 verschiedene Flaschentypen geben? Weil die Brauereien krampfhaft nach „Alleinstellungsmerkmalen“ suchen! Wenn allerdings die „Warsteinerisierung“ des Biergeschmacks anhält und die (Fernseh)Biere sich geschmacklich nicht mehr unterscheiden,muß z.B. die Haptik herhalten,also Relief aufbringen und basta!
    Jetzt können sich die Brauereien nicht mehr aus dem Pool bedienen…mein Mitleid hält sich da in Grenzen!
    Ursprünglich war ja mal angedacht,die Flaschenformen zu vereinheitlichen (Euro- oder NRW-Flasche) um diesem Problem zu begegnen! Lang,lang ists her!
    Mein wohlgemeinter Rat an alle Brauereien: stellt wieder charakterstarke Biere her,dann seid ihr unverwechselbar und müsst nicht nach anderen Effekten haschen und könnt wieder in einheitliche Flaschen füllen,was auch ziemlich viele Fahrwege vermeiden würde und die Umwelt entlasten würde!

    Merke: Bier wird durch Transport nicht besser! Und durch Rücktransport des Leerguts schon gar

  3. Wieviel bleibt eigentlich durch verlorene Flaschen regelmäßig im Handel ...
    als netter kleiner Zusatzprofit hängen? Weiß man das?

  4. Die Kosten für eine Flasche
    hat die Brauerei unabhängig von der Höhe des Pfands über die Laufzeit der Nutzung der Flasche immer zu zahlen. Die 30 Cent für die Bügelflasche werden als Kosten auf die diversen Umläufe einer Flasche umgelegt. Eine zufällig ausgewählte Flasche hat also die mittlere Umlaufzeit erreicht, so daß der Wert der Flasche nicht mehr dem Neupreis von 30 Cent entspricht. Die 15 Cent dürften also ein fairer Betrag für das Pfand sein, aber möglicherweise brauchen die Flaschensammler einen größeren Anreiz.

  5. Pfand
    Sicherlich müssen Sie das Pfand vorfinanzieren.
    Die Klagen sind alt.
    Bei der Einführung des Einwegpfandes war es auch so.
    Heute verdienen die Händler zig Millionen durch den Pandschlupf.
    Die Regierung hält sich mal wieder raus, wenn es um ökologische Lösungen geht!

Kommentare sind deaktiviert.