Reinheitsgebot

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Das Blog zum Bier

Wiederbelebung einer Brauerei

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Das Geschenk eines Freundes erinnerte Torsten und Stephanie Witusch an eine stillgelegte Brauerei in ihrer Heimat. Die beiden trafen eine Entscheidung. Jetzt hat Groß-Gerau einen neuen Bierproduzenten.

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© Wonge BergmannStephanie und Torsten Witusch in der Gaststätte “ Rumpelstilzchen“ in Groß-Gerau

Ein Angestelltendasein gilt vielen Menschen als Glücksfall: regelmäßiges Gehalt, bezahlter Urlaub, Sicherheit. Auch der Informatiker Torsten Witusch aus Groß-Gerau weiß die Vorteile seines festen Jobs sehr wohl zu schätzen, er gibt aber zu: „Unternehmerisch tätig zu sein hat auch seinen Reiz.“ Daher fährt Witusch seit einem Jahr jedes Wochenende mit einem schwarzen Opel Bedford Blitz aus dem Jahr 1981 sein eigenes Bier aus.

Der große, schlanke Mann mit der schwarzen Nerdbrille hat ständig Ideen. Schon immer interessierte ihn, „was andere Leute so machen“. Im Internet informiert er sich unentwegt über Start-ups, Geschäftsmodelle und Existenzgründungen. So erfuhr der Fünfundvierzigjährige zum Beispiel, dass der traditionsreiche Berliner Mampe-Likör von Jungunternehmern erfolgreich wiederbelebt wurde. Als dann im vergangenen Jahr Freunde aus Gelsenkirchen zu Besuch kamen und Flaschen einer alten, wiederaufgelegten Biermarke mitbrachten, fiel es dem Groß-Gerauer und seiner Frau Stephanie sogleich ein: „In Groß-Gerau gab es doch auch mal eine Brauerei.“

Zum Verkauf gezwungen

Das stimmt. Die Unionbrauerei Groß-Gerau bestand 99 Jahre – von 1868 bis 1967. Gegründet wurde sie von der alteingesessenen jüdischen Bierbrauerfamilie Marxsohn. Vor dem Ersten Weltkrieg produzierten 80 Beschäftigte 50.000 Hektoliter im Jahr. Doch 1936 zwangen die Nationalsozialisten die jüdischen Eigentümer, Brauerei und Mälzerei zu verkaufen. Der Betrieb ging für 380.000 Reichsmark an den Groß-Gerauer Willy Orschler und den Frankfurter Industriellen Willy Kaus.

Ludwig Marxsohn konnte mit seiner Familie nach Jerusalem fliehen, sein Bruder Ferdinand und dessen Frau wurden 1942 in Theresienstadt ermordet. Kaus, der große Nutznießer der Arisierung, wurde nach Orschlers Tod, wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, alleiniger Eigentümer der Unionbrauerei. Außer mehreren Biersorten erzeugte die Brauerei in Lizenz auch Limonade von Bluna und Afri-Cola. 1967 verkaufte Kaus die Unionbrauerei, die ebenfalls ihm gehörende Heidelberger „Engelbräu“ und die Mülheimer „Ibingbrauerei“ an die Frankfurter Henninger-Brauerei, die damals Konkurrenten aufkaufte, um sie anschließend stillzulegen. In der Unionbrauerei arbeiteten damals 120 Mitarbeiter, die 100.000 Hektoliter Bier für ein Gebiet zwischen Wiesbaden, Rheinhessen und Aschaffenburg produzierten.

Kurz nach dem Besuch seiner Gelsenkirchener Freunde heckte Torsten Witusch einen Plan aus: Er nahm Kontakt zu einigen ehemaligen Mitarbeitern der Unionbrauerei auf, die sich immer noch regelmäßig zum Stammtisch in Groß-Gerau treffen. So erhielt Witusch außer historischen Informationen auch die Zutatenlisten der Biere. Die Suche nach originalen Rezepturen verlief jedoch erfolglos. Da der Markenname „Unionbier Groß-Gerau“ nicht mehr geschützt war, ließ Witusch ihn registrieren, und Stephanie Witusch, von Beruf Inneneinrichterin, kreierte die Etiketten. Darin sind die Buchstaben U und B aufeinandergesetzt – ähnlich wie im Original, aber in modernem Design.

50.000 Flaschen in einem Jahr

In Weinheim wurden Wituschs fündig. Sie taten eine Brauerei auf, die ihnen das neue „süffige unfiltrierte Bier mit blumigen Hopfenaromen und feinen Malznoten“ nach originalem Vorbild des Union-Hell-Export braute und nach Darmstadt zur Flaschenabfüllung mit Bügelverschlüssen lieferte. 50 Jahre nach Ende des Unionbiers belebte ein Groß-Gerauer Ehepaar, welches das Originalgetränk nur aus Erzählungen kennt, mit einem kräftigen Plopp die lokale Bierkultur wieder.

„Eigentlich wollten wir anfangs nur eine Palette, das sind 40 Kisten Bier“, erzählt Torsten Witusch. Wenn sich niemand für das Getränk interessiert hätte, hätte das Paar einfach eine große Party geschmissen. Doch die Mindestabnahme waren sechs Paletten. Wituschs gingen das Risiko ein. Sie versuchten, 240 Kisten Unionbier bei Getränkehändlern in der Kreisstadt an den Mann zu bringen. Sicherlich ist die sympathische und aufgeschlossene Art des Paars eine große Hilfe beim Bierabsatz. Nicht zu unterschätzen ist jedoch auch die Lust der Groß-Gerauer Biertrinker auf etwas Neues. Nach vier Wochen waren alle Flaschen verkauft, bis Jahresende sogar 50.000 Flaschen. Mittlerweile ist das Unionbier in ausgewählten Geschäften und Restaurants im gesamten Kreis in Kisten zu haben.

Gut ein Jahr nach der Neuauflage stellen Wituschs ihr nächstes Unionbier mit gelbem Etikett vor – „ein meisterliches, strohgelbes Pils mit feinen Aromen traditioneller Hopfensorten“. Nun sind es Kronkorken, die die Flaschen verschließen, weil in Darmstadt nicht mehr abgefüllt werden kann. Für eine Kiste Unionbier zahlen Kunden etwa 25 Euro Pfand, ein Sixpack kostet zwischen sieben und acht Euro. Außerdem haben die Wituschs nun auch Fassbier im Angebot.

„Klar, unser Bier ist nicht billig, das macht schon die kleine Menge“, sagt Witusch. „Die Preise legen die Händler individuell fest. Darauf können wir keinen Einfluss nehmen.“ Auf die Frage, ob sich das Paar vorstellen könne, nur noch vom Bierverkauf zu leben, lachen beide herzlich. „Reich werden kann man damit nicht.“ Außerdem sei die Getränkeindustrie höchst kompliziert und er wolle sich lieber aus den „Brauereispielchen“ raushalten, sagt Witusch. Aber er freut sich, dass seine Frau und er Groß-Gerau ein Stück Geschichte näherbringen können.


1 Lesermeinung

  1. Vermarktung
    Eine gelungene Idee, Bier brauen zu lassen und „nur“ zu vermarkten. Immense Investitionen bleiben erspart und Brauereien in der Umgebung haben ohnehin Überkapazitäten.

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