Reinheitsgebot

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Das Blog zum Bier

Auf ein „Bia Hoi“ in Hanoi

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Biertrinker müssen in Vietnam nicht auf ausländische Marken setzen. Der heimische Biermarkt wächst stark und bietet Geschmacksabenteurern viele Erlebnisse – am oberen und unteren Ende der Preisskala.

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© Martin GroppFrischer und einfacher geht es kaum: Bia Hoi in der vietnamesischen Hauptstadt

Wer in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi frisch gebrautes Bier trinken will, muss buchstäblich tief sinken. Das hat nichts mit der Qualität der lokalen Spezialität „Bia Hoi“ zu tun, was auf Deutsch so viel wie „frisches Bier“ heißt. Sie ist tadellos, das Bier nicht pasteurisiert. Das Sinken hängt eher mit den Ausschankorten zusammen, an denen das Bier aus großen Metallfässern in zahllose geriffelte Gläser fließt. Gleich zwei dieser Kneipen finden sich an der Bat-Dan-Straße im Nordwesten der Hanoier Altstadt. In kleinen Grüppchen stehen dort niedrige Plastikstühle auf dem Bürgersteig. Darauf zu sitzen, ist gewöhnungsbedürftig. Auf den Schemeln liegt der Körperschwerpunkt deutlich tiefer als in vielen europäischen Schänken. Und im Verlauf eines Bia-Hoi-Abends kann es passieren, dass das Aufstehen noch schwieriger wird als ohnehin schon.

Dabei ist das pilsartige Bia Hoi ein eher leichtes Bier, es hat gerade einmal 2 bis 4 Volumenprozent – je nach Tagesform. Entscheidender für eine lange Sitzung sind die Kellner, die beständig für Nachschub sorgen. Vor allem ist es aber der Preis des Biers. 10.000 vietnamesische Dong kostet ein Drittelliter, umgerechnet 30 Cent. Nicht umsonst preisen Reiseführer das Getränk als das „wahrscheinlich günstigste Bier der Welt“, wenngleich das vor allem für Touristen gilt. Von ihnen verirren sich jedoch nicht viele in Hanois Bia-Hoi-Kneipen. Die Mehrheit der Besucher sind Einheimische. Sie kommen, um zu ratschen, zu rauchen, ein paar Erdnüsse, Frühlingsrollen oder getrockneten Tintenfisch zu essen – und um das Frischbier zu genießen. Drei, vier Gläser später ziehen sie weiter, manche schwingen sich auf ihren Motorroller und knattern hinaus in die Nacht von Hanoi.

© Martin GroppDie vietnamesische Version des Kneipen-Deckels

 

Bia Hoi ist eine der Hinterlassenschaften der langen Kolonialherrschaft in Vietnam. Im späten 19. Jahrhundert sollen die Franzosen zum ersten Mal Bier in das südostasiatische Land gebracht haben. Sie eröffneten in Hanoi die Hommel-Brauerei, deren Produktion mit rund 150 Litern am Tag allerdings noch relativ überschaubar gewesen sein soll. Nachdem die sozialistischen Vietnamesen unter Ho Chi Minh in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihre Unabhängigkeit erkämpft hatten, zogen die Franzosen ab und nahmen auch das Brauwissen mit. In die Bresche sprangen Bierspezialisten aus dem sozialistischen Bruderland Tschechien; sie lehrten den Vietnamesen abermals, wie man Bier braut. Das in Hanoi und in anderen Städten ausgeschenkte Frischbier ist aber nur ein Ausfluss der getränkebezogenen Wiederaufbauhilfe. Heute gibt es zahlreiche Bierhersteller und viele Sorten „Bia“ im Land – und sie erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Vietnam ist ein junges Land, das mittlere Alter beträgt gerade einmal etwas mehr als 30 Jahre. In Deutschland liegt das Median-Alter bei gut 47 Jahren. Mehr als die Hälfte der rund 96 Millionen Vietnamesen sind derzeit im besten Biertrinkeralter zwischen 18 und 50 Jahren. Nach Daten des Marktforschungsunternehmens Euromonitor International ist der durchschnittliche Bierkonsum in Vietnam zwischen den Jahren 2011 und 2016 denn auch von rund 29 Litern auf fast 39 Liter je Einwohner angestiegen. Innerhalb der nächsten drei Jahre soll der Durchschnittsvietnamese dann noch einmal rund zehn Liter mehr als heute verzehren. Im Vergleich zu anderen Weltgegenden sind die dann voraussichtlich 50 Liter je Kopf aber immer noch recht wenig, in Deutschland erreicht der Durchschnittskonsum derzeit etwa das Doppelte.

Angesichts solcher Wachstumsraten ist der Wettbewerb um die Biertrinker in Hanoi und anderswo voll entbrannt. Das zeigt sich am „Beer Corner“, einer Straßenkreuzung im Norden der Altstadt. Tagsüber herrscht hier das für Hanoi übliche Treiben: Massen von Rollern drängen sich hupend auf den Straßen, dazwischen versuchen mutige Passanten die Kreuzung zu queren. Abends kommen wieder die kleinen Hocker ins Spiel. Hunderte Besucher sitzen dann an und teilweise auf der Straße, um Bier zu trinken. Wer sich dort niederlässt, bestellt seine Hopfengetränke mitunter bei Kellnerinnen, die in Markenfarben der jeweiligen Brauereien gekleidet sind. Einige Kneipen haben Exklusivverträge mit bestimmten Anbietern und schenken nur eine Sorte aus. Andere Bierbars haben dagegen ein ganzes Sortiment verschiedener Marken im Angebot.

© Martin GroppDer Bieikonsum in Vietnam wächst stetig

Laut Euromonitor International sind rund 90 Prozent des vietnamesischen Biermarktes derzeit unter vier Herstellern aufgeteilt. Gut 40 Prozent bedient mit Marken wie „333“, „Saigon Export“ oder „Saigon Special“. Die Hanoi Beer Alcohol and Beverage Corporation kommt mit ihren diversen „Bia-Hanoi“-Sorten auf rund ein Fünftel des Absatzes. Insgesamt gut 30 Prozent des Marktes sind in ausländischer Hand: Der Heineken-Konzern schafft mit der auf Asien zugeschnittenen einen Marktanteil von rund 23 Prozent, die Carlsberg-Brauerei erreicht unter anderem mit den bauchigen wiederum etwa 8 Prozent. Allerdings ist Carlsberg auch am Erfolg der heimischen Sabeco-Brauerei beteiligt, dem Konzern gehört ein gutes Fünftel der Anteile an der Gesellschaft.

Dass es daneben auch eine Nummer kleiner geht, zeigt eine mit viel Holz eingerichtete Bar in der südvietnamesischen Metropole Ho-Chi-Minh-Stadt, dem früheren Saigon. Es ist der Schankraum der , einer Craft-Beer-Brauerei, die zwei Amerikaner vor vier Jahren gegründet haben. Ihre Biere sind ist so etwas wie ein Geheimtipp in Ho-Chi-Minh-Stadt, schon alleine weil ihre Bar gar nicht so einfach zu finden ist. Wer aber erst durch eine Hauseinfahrt und dann durch ein enges Treppenhaus in den ersten Stock des Gebäudes an der Pasteurstraße steigt, kann ungewöhnliche Geschmacksmischungen erleben.

© Martin GroppAn der Fensterfront der Pasteur Street Brewing Company

Das Ziel sei es, amerikanisches Kleinbrauer-Handwerk mit lokalen Geschmäckern zu kombinieren, schreiben die Gründer auf ihrer Internetseite. Dafür mixen sie nach eigenen Angaben Malz aus Belgien oder Deutschland mit amerikanischen oder australischen Hopfensorten und fügen schließlich noch vietnamesische Früchte und Aromen hinzu. Heraus kommen dabei ein Weizenbier, über dem eine Note von Passionsfrucht schwebt, ein India Pale Ale, das nach Jasminblüten schmeckt, oder ein mit Ingwer und Zitronengras gewürztes unfiltriertes Starkbier.

Mehr als 200 verschiedene Sorten haben die amerikanischen Brauer nach eigenen Angaben schon in Vietnam gebraut, natürlich jeweils in kleinen Mengen. Ihre Getränke erreichen wohl auch deshalb europäische Preise, und an den vollbesetzten Tischen wird auch eher Englisch als Vietnamesisch gesprochen. Die Pasteur Street Brewing Company bietet noch einmal eine andere Perspektive auf das Land, in dem Bier Bia heißt. Ein wenig liegt das aber auch an den Sitzgelegenheiten, die weit weg von den Schemeln in Hanoi sind. Die Craft-Bier-trinkenden Besucher verweilen auf hohen Barhockern.

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1 Lesermeinung

  1. freiherr
    sieht bemerkenswert klar aus aufdem vollen schtraessle !
    liegt des an dem klaren bier ?

    barnerbarn……..

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