Reinheitsgebot

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Das Blog zum Bier

Was macht der Weltraum mit dem Bier?

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Wie eine Traditionsbrauerei einmal ihre Kunden Hopfen anbauen ließ, diesen in die Stratosphäre schickte und daraus ein richtig gutes Bier machte. Und warum sie das, auch ohne Weltraumflug, nicht so bald wiederholen wird.

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© Westerwald-BrauereiDie Hopfensonde der Westerwald-Brauerei steigt an einem „Space-Ballon“ hängend in einer Geschwindigkeit von sieben Metern pro Sekunde in die Atmosphäre. Zu sehen ist hier, in der Glasbox im Vordergrund, nur eine Teilmenge des verschickten Hopfens.

Eigentlich war es eine reine Marketing-Idee. Die Aktion begann mit der Beigabe eines Hopfensamen-Tütchens beim Kauf einer Kiste Hachenburger Pils. Gedacht war daran, die Bier-Kunden zum Hopfenanbau zu animieren und die Ernte anschließend in die Produktion eines besonderen Pils‘ einfließen zu lassen. Wie reichhaltig der Hobby-Ernteertrag ausfiel – Hopfenanbau ist eine Kunst für sich -, war eigentlich Nebensache, denn von Anfang an hatte sich die Westerwald-Brauerei vorgenommen, das ins Auge gefasste Pils mit einer großzügigen Gabe professionell angebauten Aromahopfens der Sorte Saphir zusätzlich reifen zu lassen.

Doch begnügten sich nicht mit der Idee eines besonders kundennahen und in den Lagertanks „hopfengestopften“ Biers. Noch bevor Budweiser seinen vollmundigen Plan verkündete, künftig Bier auf dem Mars zu brauen – die Amerikaner schicken zur Vorbereitung Gerste auf die ISS (in dem Bier war zuvor schon Space-Hefe verwendet worden) -, kam in einer kleinen Stadt im Westerwald der Gedanke auf, den von Kunden geernteten Hopfen mittels eines Ballons in Richtung Weltraum aufsteigen zu lassen. Auf dass er Bekanntschaft mit einer Extrabrise Ozon mache und Temperaturschwankungen bei bis zu 60 Minusgraden, möglicherweise zu seinem Gewinn, heil überstehe. Nicht zuletzt sollte dieser Weltraumhopfen für das mit ihm gewürzte Bier den Namen „“ verdienen.

© Westerwald-BrauereiVorbereitung der Hopfen-Box für die Raumfahrt

Im Grunde beruht dieses Space-Pils also auf einem Dreisprung von (teilweise) regionalem Hopfenanbau, Kälteexperiment und Kalthopfung.

Die im September vom Hachenburger Brauereigelände ausgehende Stratosphären-Reise verlief glücklich, auch wenn die Sonde bei ihrer Rückkehr auf die Erde zunächst nicht geortet werden konnte, bevor sie schließlich von einem Wanderer gefunden wurde.

Eingebraut wurde in Hachenburg dann lediglich ein einziger Sud mit dem Reise-Hopfen, der auf mehrere tausend sonderdekorierte 0,33-Liter-Flaschen abgefüllt wurde. Diese standen nun im Herbst recht unvermittelt und sehr ansprechend für 4,99 Euro pro Viererträger in den regionalen Getränkemärkten und waren, trotz des für die Westerwald-Brauerei ungewöhnlich hohen Preises, in kurzer Zeit ausverkauft.

Die letzte von uns gestern aus einem Vorrat geöffnete Flasche bestätigte dabei den Trinkeindruck des vergangenen Herbstes (auch wenn das Hopfenaroma durch die Lagerung über mehr als drei Monate sehr wahrnehmbar abgenommen hat, dazu später mehr): Das Space-Pils ist/war ein richtig gut trinkbares kaltgehopftes, knackiges Lager, auch etwas für Biertrinker, denen das normale Pils der Westerwald-Brauerei zu wenig herb schmeckt. Leicht trüb und mit herrlich cremiger, langlebiger Schaumkrone, füllt/füllte es eine in deutschen Getränkemärkten immer noch weit verbreitete Lücke zwischen normalem deutschen Pils und stark hopfenaromatischen Ales wie dem IPA.

Was die Stratospähre zu alldem beigetragen hat? Die Hachenburger Brauer sind ehrlich – nichts Schmeckbares jedenfalls. Die Aktion zu nutzen, um die Kunden mit einem kaltgehopften Pils bekannt zu machen, war jedenfalls aller Ehren wert.

© Westerwald-BrauereiDer Hopfenanbau hatte im Westerwald eine lange Tradition. Noch heute wird der Ertrag aus dem brauereieigenen Hopfengarten in Hachenburg für bestimmte Biere verwendet.

Was jetzt wie ein Nachruf klang, ist auch einer. Denn Jens Geimer, 42 Jahre alt, seit 2009 Geschäftsführer und Miteigentümer der Westerwald-Brauerei in fünfter Generation, hat keine weiteren Pläne mit dem Space-Pils. Möglicherweise auch von den hohen Marketing-Kosten beeindruckt, reagiert der gelernte Kaufmann mit Studium der internationalen Wirtschaft auf unsere Nachfrage fast schon erschrocken.

Was wiederum einen interessanten Blick auf den deutschen, immer noch stark regional verwurzelten Biermarkt gewährt. Zwar könnte man Jens Geimer nach dem rasanten Abverkauf des Space-Pils‘ leichtfertig mangelnden Mut und ein Unterschätzen des Kundengeschmacks vorwerfen. Doch gibt sein mit dem Brustton der Überzeugung vorgetragenes Argumente zu denken: „Früher konnten wir uns mit Spezialitätenbieren noch von den Großbrauereien wie Krombacher und Bitburger unterscheiden, heute haben diese selbst eine breite Angebotspalette, da können wir nicht mehr mithalten.“

Für Geimer bleibt das Space-Pils ein Testballon, bei dem er viel über neue Flaschen- und Gebindeformen gelernt habe – und natürlich auch über neue Einsatzmöglichkeiten des Hopfens.

Slow-Brewing als Rettungsanker

Als besonders risikoscheu kann die Westerwald-Brauerei dabei keinesfalls gelten. So war sie – im Jahr 1861 vom damals 25 Jahre alten Heinrich Schneider gegründet – 1902 eine der ersten deutschen Brauereien, die ein Bier nach Pilsner Brauart anbot, was dem Unternehmen, als sich das Pils in den fünfziger und sechziger Jahren durchzusetzen begann, zunächst einen erheblichen Standortvorteil bescherte. In den achtziger Jahren kam man auf einen Ausstoß von rund 200.000 Hektolitern, von denen noch die für heutige Verhältnisse stark überdimensionierte Abfüllanlage kündet – ein nicht ungewöhnliches Bild in deutschen Traditionsbrauereien. Als erste westdeutsche Brauerei präsentierten die Westerwälder ein Schwarzbier, früh auch, 2005, ein sehr gut trinkbares (nicht-bayerisches) Weizen und ein beachtliches alkoholfreies Pils (2001), das aus unserer Sicht zu den besten Deutschlands zählt. Auch Editions-Biere mit ungewöhnlichen Bierstilen werden in kleiner Menge schon seit 2011 vertrieben.

© Westerwald-BrauereiDer Grünsche Hof, links im Hintergrund, ist der Ursprung der heute sehr gläsernen Westerwald-Brauerei, die zuletzt von fast 20.000 Gästen im Jahr besucht wurde.

Auf eine, so Jens Geimer, schwierige Phase zum Ende der neunziger Jahre – damals starteten viele Großbrauereien durch, während der Bierkonsum in Deutschland einbrach -, reagierte man, beraten von Prof. Ludwig Narziß, mit einer Steigerung des Qualitätsanspruchs und setzte sich neue Maßstäbe. Seit 2011 wird Hachenburger Pils zu hundert Prozent mit Aromahopfen gewürzt; das ungewöhnlich weiche Quellwasser mit einer Härte von 1,5 °dH (sogar das Wasser aus Pilsen ist etwas härter) wird bei keinem der zehn Brauprodukte in irgendeiner Weise aufbereitet. Das Bier verbleibt, ohne die Verwendung des Klärungsmittels PVPP, sechs Wochen lang im Lagertank – eine ungewöhnlich lange Zeit für Standardbiere. Jens Geimer ist davon überzeugt, dass diese Argumente, verbunden mit einer Kommunikationsoffensive, letztlich den Kunden überzeugt haben.

2014 kam nach einem alten überlieferten Rezept das Westerwald-Bräu hinzu, ein etwas kräftigeres, malzbetonteres Lager als das Pils, nah am Export. Das Bier trägt schon nach kurzer Zeit mit beachtlichem Anteil zum stetig gestiegenen Gesamtausstoß in den letzten Jahren bei. In Hachenburg ist von „mehr als 75.000 Hektoliter“ die Rede. Heute beschäftigt die Westerwald-Brauerei mehr als 80 Mitarbeiter

Was müsste nun geschehen, damit die Westerwald-Brauerei ein kaltgehopftes Bier wie das Space-Pils doch dauerhaft ins Angebot nähme? Er müsse sich sicher sein, dass der Kunde eine beträchtliche Menge zu einem angemessenen Preis zu kaufen bereit sei, sagt Jens Geimer und setzt hinzu: „Frische ist für uns ein ganz wichtiger Aspekt, für uns ist entscheidend, dass die Biere, die wir brauen und verkaufen, ein gewisses Volumen haben, so dass sie häufig im Jahr gebraut und abgefüllt werden können. Wenn Biere zum Beispiel nur vier Mal im Jahr gebraut werden, hat man häufig ein eher altes Bier im Getränkemarkt stehen, was für die Qualität nicht ideal ist.“

Auch wenn das ein ehrenwertes Argument ist, die Westerwald-Brauerei sollte dranbleiben an ihrem Space-Pils. Wer ins All fliegen kann, dem fällt auch etwas ein, um das kaltgehopfte Bier zum Kunden zu bringen. Den Weltraumhopfen könnte man in Zukunft ja auch ebenso gut weglassen.

Werbevideo der Westerwald-Brauerei


2 Lesermeinungen

  1. Auffallen durch Differenzierung
    Sehr schönes Beispiel, wie auch eine kleine Brauerei mit kleinem Marketingbudget durch eine gute Idee auf sich aufmerksam machen kann.

    @ Michael Busemann:
    Ja, das Bier schmeckt auch ohne Werbung.
    Wenn man es aber nicht kennt, kann man es auch nicht trinken!

  2. Fragwürdiges Marketing
    Die Aktion ist ein Beispiel dafür, wie mal wieder am Produkt vorbei geworben wird. Das Space-Pils wird wie ein Massenprodukt in den Markt gebracht. Dabei hat es vermutlich auch ohne Space Attribute einer Spezialität.

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