Aufbruch in die Antarktis

Aufbruch in die Antarktis

Acht Wochen mit dem Eisbrecher Polarstern auf Expedition

Abschied von der weißen Wildnis

| 0 Lesermeinungen

Letzte Station unserer Forschungsexpedition in der Antarktis: Elephant Island. Vor 102 Jahren hat hier die Mannschaft der Endurance auf Rettung geharrt. Ihr Schiff war auf einer der ersten großen Expeditionen ins Weddellmeer im Packeis stecken geblieben und vom Eis zerdrückt worden. Nachdem die Entdecker es mit Rettungsbooten hierher geschafft hatten, brach der Expeditionsleiter Shackleton von der Insel aus mit einer kleinen Gruppe auf, um Hilfe zu holen – erfolgreich.

Ein Jahrhundert später sind wir auf den Spuren dieser Pioniere unterwegs – acht Wochen durch das  Weddellmeer. Sicher hat der des Alfred-Wegener-Instituts uns und unsere Kollegen durch das Meereis zu den zusammen mehr als hundert Stellen gebracht, an denen Proben genommen und Messungen durchgeführt wurden.

© Reese/WinkelmannAbschied von der Antarktis bei den südlichen Shetlandinseln.

Über Wochen waren wir umgeben von Meereis, das sich zum Ende des Sommers hin immer schneller ausgedehnt hat, von Tafeleisbergen und der steilen, Polarstern teils überragenden Schelfeiskante.  Nun ist statt Eis plötzlich felsiges Land in Sicht, und wir staunen über die schneebedeckten Berge und Inseln an der Spitze der Antarktischen Halbinsel.

Dieser historische Ort hat auch ganz aktuell viel Aufmerksamkeit bekommen: Im Juli letzten Jahres ist ein Eisberg, so groß wie das Saarland, vom Larsen C Schelfeis abgebrochen – einer der größten Eisberge, die bisher beobachtet wurden. Das Kalben von Eisbergen an den Rändern der schwimmenden Schelfeise ist eigentlich Teil eines natürlichen Zyklus: Über Jahrzehnte schiebt sich das Eis immer weiter auf den Ozean vor, dabei bilden sich Risse und Spalten, und die Ränder des Schelfeises brechen schließlich als Eisberge ab.

Besonders an diesem jüngsten Kalbungsereignis sind seine Umstände. 1995: das nördlich gelegene Larsen A Schelfeis bricht vollständig auseinander. 2002: innerhalb weniger als einem Monat kollabiert das größere, südlich gelegene Larsen B Schelfeis. Beide waren über Jahrtausende hinweg stabil. Ihr Zerfall ging mit einer Erwärmung der Atmosphäre und verstärktem Schmelzen an der Oberfläche der Schelfeise einher. .2017 folgte nun das Abkalben des ungewöhnlich großen Eisbergs vom benachbarten Larsen C Schelfeis. Zerfällt nach Larsen A und B nun auch das Larsen C Schelfeis? Das ist noch nicht klar.

© Reese/WinkelmannSonnenuntergangsstimmung vor der Elefanteninsel.

Klar ist: Durch den Kollaps von Larsen A und B hat sich das zähe Fließen der angrenzenden Gletscher im Inland deutlich beschleunigt, sie transportieren mehr Eis in Richtung Ozean, wodurch der Meeresspiegel steigt. Die Schelfeise wirken also wie Schutzschilde, die den Fluss der angrenzenden Gletscher abbremsen. Verlieren die Schelfeise Masse durch das Abkalben von Eisbergen oder durch das Schmelzen an der Unterseite im Kontakt mit wärmerem Ozeanwasser, zieht sich die sogenannte Aufschwimmlinie – also die Grenze zwischen schwimmendem Schelfeis und aufliegendem Inlandeis – zurück.

Je nach Bodenbeschaffenheit kann hierdurch ein unaufhaltsamer Verlust an Eis in Gang gesetzt werden. Bereits in den 70er Jahren haben Glaziologen erkannt, dass Eismassen, die unter dem Meeresspiegel aufliegen, unter bestimmten Bedingungen instabil werden können. In der Amundsen Region der Westantarktis beispielsweise treffen diese Bedingungen zu – und neueste Messdaten zeigen, dass die Gletscher hier vermutlich bereits einen Kipppunkt überschritten haben. Das wäre eine Veränderung historischen Ausmaßes. Ein Verlust dieses Bereichs der Westantarktis würde den Meeresspiegel weltweit um mehr als einen Meter anheben. Wie schnell oder langsam das geht, ist unklar – entscheidend ist aber: Was in der Antarktis passiert, hat Auswirkungen weltweit.

© Winkelmann/ReeseEin Blick auf die King-George-Insel.

Am Morgen werden wir in Punta Arenas anlegen. Statt des sanften Auf und Ab, des Ruckelns und seitlichen Rutschens beim Brechen der Eisschollen, das uns in den letzten Wochen begleitet hat, nun wieder das Rollen der Wellen. Auf einmal geht alles ganz schnell: Auf unserem Weg durch die Drakestraße sehen wir die ersten Frachtschiffe, in der Magellanstraße erfüllen nachts die Lichter von Dörfern, Ölplattformen und Fischerschiffen den Horizont. Hier sind die menschlichen Aktivitäten wieder direkt sichtbar. Tief im Eis hatten wir den Eindruck, alleine zu sein in der unberührten, spektakulären Natur; doch auf unserer Expedition haben wir erneut festgestellt, dass der weltweite und vom Menschen verursachte Klimawandel auch die Antarktis fundamental verändern kann. Es ist ein Gedanke, der uns zum Abschluss festhält: So klein und schutzlos wir Menschen auch sind im Angesicht des ewigen Eises – seine zukünftige Entwicklung liegt in unserer Hand.

 

Wir möchten uns bei allen bedanken, die uns bei unserer Arbeit an Bord von Polarstern und darüber hinaus tatkräftig unterstützt haben – und ohne die dieser Blog nicht möglich gewesen wäre. Unser ganz besonderer Dank gilt F.A.Z.-Wissenschaftsressortleiter Joachim Müller-Jung, unserem Fahrtleiter Michael Schröder vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, Kapitän Stefan Schwarze, unseren Projektpartnern Dirk Notz und Leif Riemenschneider vom Max-Planck-Institut für Meteorologie, dem Helikopter-Team Lars Vaupel, Michael Gischler, Roland Richter und Mark Rothenburg, der Meereisgruppe Stefanie Arndt, Marcus Huntemann, Nicolas Stoll vom Alfred-Wegener-Institut sowie Yannick Kern und allen weiteren Helfern auf der Scholle. Wir danken auch dem AWI-Kommunikationsteam, allen voran der Polarstern-Betreuerin Folke Mehrtens, dem PIK-Kommunikationsteam, geleitet von Jonas Viering, und unseren Kollegen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Danke an die Crew und alle Wissenschaftler an Bord von Polarstern für eine unvergessliche Forschungsreise in die Antarktis!

“Difficulties are just things to overcome, after all.”
― Ernest Shackleton

Hinterlasse eine Lesermeinung