Aufbruch in die Antarktis

Aufbruch in die Antarktis

Acht Wochen mit dem Eisbrecher Polarstern auf Expedition

Ins Weiße

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Alles weiß. Wo gestern noch die antarktische Eisschelfkante und Eisberge zu sehen waren, sind jetzt nichts als Nebelschwaden. Dimensionen lösen sich auf. Wir wissen, dass wir auf dem Forschungseisbrecher des Alfred-Wegener-Instituts gerade mal 200 Meter von der Kante des antarktischen Ronne-Schelfeises entfernt sind. Doch sehen können wir diese schwimmende Eisfläche, größer als Deutschland, nicht. Würde der Schneefall noch dichter werden, könnte es sogar zu einem ‚Whiteout‘ kommen. Dann verschwinden alle Konturen im Weiß von Eis, Schnee und Nebel – und wir könnten selbst die eigene Hand vor den Augen kaum mehr erkennen.

Ganz kurz blitzt aus dem Nebeldickicht ein Eisberg auf. Er verschwindet so schnell wieder – haben wir ihn uns nur eingebildet? Es ist beißend kalt. „Windchill temperature“, also die gefühlte Temperatur: -48 Grad. Der eisige Wind brennt im Gesicht. Inzwischen haben wir 76 Grad südlicher Breite erreicht und fahren nun an der Schelfkante entlang nach Westen – so weit es geht. Fast das ganze Jahr über ist die Eisdecke hier so kompakt, dass kein Schiff hindurchkäme. Nur jetzt, im antarktischen Spätsommer.

© Nicolas StollBlick aus dem Helikopter auf die Polarstern.

Das ganze Jahr über schneit es in der Antarktis sehr wenig. So wenig, dass sie sogar als Wüste klassifiziert wird. Eine Eiswüste. Denn meist ist es einfach zu kalt – die kalte Luft hält weniger Feuchtigkeit als warme, und mit wenig Feuchtigkeit gibt es nur wenig Schnee. In Zukunft aber, wenn sich die Luftschichten durch den Klimawandel weiter erwärmen, können sie mehr Feuchtigkeit halten. Dann könnte auch der Schneefall über dem antarktischen Eis zunehmen. Etwa um fünf Prozent pro Grad Erwärmung. Das klingt wenig, ist aber viel. Wegen der Größe der Antarktis würde eine solche eine große Menge zusätzliches Wasser vom Ozean aufs Land transportieren.

Könnte hierdurch eventuell sogar der Meeresspiegelanstieg kompensiert werden? Leider nicht, so bitter das auch ist. Durch das Gewicht des zusätzlichen Schneefalls wird nämlich auch das Eis der Antarktis schneller aus dem Inland ins Meer gedrückt, wie wir berechnet haben. Denn durch den extra Schnee wird der Eisschild zum einen dicker, es lastet mehr Gewicht auf dem Eis, dessen zähes Fließen in Richtung Ozean sich dadurch beschleunigt. Und zum anderen wird seine Oberfläche am Übergang zu den Eisschelfen steiler, auch hierdurch fließt mehr Eis ins Meer. Steiler wird es deshalb: Wenn man sich vorstellt, dass überall genau gleich viel Schnee fällt, wird das schwimmende Schelfeis zwar genauso viel dicker wie das Inlandeis. Aber weil es schwimmt, sinkt es durch die zusätzliche Masse einfach tiefer ins Wasser. Etwa neun Zehntel, verschwinden – wie beim Eiswürfel im Wasserglas – unter der Wasseroberfläche. Das treibt das Eis schneller in Richtung Ozean.

© Ronja Reese/Ricarda WinkelmannFrühes Stadium des Meereis-„Nilas“ bilden Eisfinger, wenn sie sich übereinander schieben.

Dieser an den Rändern des antarktischen Eisschildes würde den durch mehr Schneefall entstehenden Massegewinn also zum größten Teil wieder zunichtemachen. Die stille Hoffnung, dass in Zukunft durch die Zunahme an Schneefall in der Antarktis der weltweite Meeresspiegel sinken könnte, bestätigt sich also leider nicht. Den Anstieg der Ozeane wirksam begrenzen können wir nur, wenn wir die globale Erwärmung begrenzen – also aufhören mit dem Verfeuern von Kohle und Öl und damit den Ausstoß von Treibhausgasen drastisch reduzieren, wie im Pariser Klimaabkommen beschlossen. Denn nur so kann die Stabilität des antarktischen Eisschildes zum hoffentlich größten Teil erhalten bleiben, und nur so stoppen wir auch den Anstieg des Meeresspiegels durch das von der Erwärmung verursachte immer weitere Ausdehnen der Wassermassen.

So schnell er gekommen ist, so schnell löst sich der Nebel wieder auf. Die Wetterumschwünge hier in der Antarktis sind oft plötzlich. Auf der Wasseroberfläche vor uns spielt sich eine spektakuläre Meereis-Show ab. Bei der Kälte bildet sich auf dem Wasser neues Eis und zeigt sich in erstaunlichen Formen und Farben: Da sind „Nilas“, dünnste Kristallansammlungen – so dünn und elastisch, dass sie sich mit den Wellen mitbewegen, ohne zu zerbrechen. Da sind „Eisfinger“, geometrische Strukturen die sich bilden, wenn Nilas sich übereinander schieben und wie Finger ineinander verschränken. Da sind kleine, eisige Pfannkuchen auf dem Wasser, aus denen sich später größere Schollen bilden werden, die einen Durchmesser von letztlich bis zu mehreren Kilometern erreichen können. Diese Eisschollen können in manchen Regionen meterdick werden und mehrere Jahreszyklen überdauern.

© Ricarda Winkelmann/Ronja ReeseAus Pfannkuchen-Eis bilden sich später größere Eisschollen.

Eine unserer Aufgaben hier an Bord ist es, gemeinsam mit unseren Kollegen die Eiskonzentration und ihre Merkmale zu protokollieren. Von der Brücke aus machen wir dazu Fotos und tragen Wetterdaten sowie Eisbedeckung, Eis- und Schneedicke und weitere Werte direkt in die wahrscheinlich weltweit wichtigste Datenbank zum Thema ein, die ‘Antarctic Sea Ice Processes and Climate’ () Datenbank. Unser kleiner Beitrag zu einem großen wissenschaftlichen Projekt. Mittlerweile wurden auf diese Weise von Forschungsschiffen aus seit 1997 Daten über das antarktische Meereis gesammelt, die frei verfügbar sind. Ein ungeheurer Schatz, der von Experten rund um den Globus genutzt wird.

Jetzt, im Spätsommer kann sich die Eisdecke im Südlichen Ozean mancherorts blitzschnell schließen. Die gesamte Meereisbedeckung hier im Süden wird in den nächsten Monaten weiter anwachsen. Viele Schollen treiben, durch die Winde und Ozeanströmungen getrieben, Richtung Norden. Dabei können sie eine Strecke von mehreren hundert Kilometern zurücklegen, bevor im Sommer die Meereisfläche wieder auf einen Bruchteil zusammenschrumpft.

© Ronja Reese/Ricarda WinkelmannEin scharfer, kalter Wind bläst über der Polarstern.

Ein kleiner Ruck geht durch das Schiff. Die Polarstern bricht durch eine Meereis-Scholle und neigt sich sanft in Richtung Steuerbord. Langsam werden die Schollen dichter. Bald haben wir den westlichsten Punkt unserer Route im südlichen Weddellmeer erreicht. Nur selten erlauben es die Bedingungen, mit dem Schiff so tief ins Eis vorzudringen. Zuletzt vor mehr als 20 Jahren. Auf dem Weg zu den Eisschollen, die wir untersuchen wollen, haben wir aus dem Helikopter einen atemberaubenden Blick auf die schneebedeckte Bergkette der antarktischen Halbinsel, die vor uns nur wenige Menschen je zu Gesicht bekommen haben, und das zufrierende Meer davor. Wir fliegen hinüber, um Daten zu sammeln, Messgeräte zu installieren, letztlich um die Grundlage für unsere Berechnungen zu verbreitern. Auf einer Scholle treiben wir dabei mitten im Südlichen Ozean. Sicher einer der abgeschiedensten Orte zum Forschen – für uns einer der schönsten.


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